Elysium

Kurzgeschichte // ©  2007 //

Fremde Stadt. Fremde Wege. Fremde Lichter. Und doch so vertraut.
Mit der Kamera und dem Laptop im Rucksack bewaffnet, auf den Streifzügen meiner Selbst und auf der Suche nach den grausamen Schönheiten unentdeckter Städte, pilgere ich durch das Labyrinth dieser bezaubernden Fremde.
Lasse mich führen und leiten, von dem Willen meiner Füße.
Wohin sie mich tragen werden, ungewiss.
Das Objektiv ist mein Auge.
Mit dem Kreuz in der Mitte wird das Leben um mich herum fokussiert, auf die Speicherkarte gebannt
und in Erinnerungen verwandelt.
Photographiert aus dem Moment heraus.
Später vielleicht unbedeutend, unbrauchbar, gelöscht.
Aber für den Augenblick in meinem Blickfeld.
Aufmerksamkeit für Dinge, die sonst unbeachtet bleiben.
Die gebrochenen Flügel einer Engelsstatue auf dem Sims einer Kirche.
Klick.
Der Obdachlose, der sein bestes Zahnlückenlächeln zeigt.
Klick.
Kleingeld in den Hut geworfen.
Zahnlücken werden größer. Ich lächle zurück.
Soviel Elend in dieser Welt.
Nicht nur in Afrika, nein vor der Haustüre beginnt es.
Tote Taube auf dem Asphalt.
Klick.
Die Federn wehen im ungewohnt warmen Januarwind.
Zeigen die Vergänglichkeit, die keiner wahrhaben möchte.
Einer alten Frau über die Straße geholfen.
Dankbarkeit geerntet, Menschlichkeit bewiesen.
Gibt es sie wirklich noch?
Die selbstlose Menschlichkeit?
Etwas zu tun, ohne etwas zu erwarten?
Zwei schneeweiße Schwäne, tanzen in der Strömung des nahe liegenden Flusses.
Zärtlichkeit liegt in ihren Gebärden.
Klick.
Eingemeißelte Worte in den Häuserwänden.
Für die Opfer der Heimat.
Wie viel Menschen wurden eigentlich Opfer anderer Menschen?
Wie viele Opfer wurden zu Tätern?
Klick.
Die patinageküsste Frauengestalt auf dem Markplatz.
Regen wusch ihr die Farbe ins Gesicht.
Ein Hauch von Melancholie.
Klick.
Eine Regenbogenfahne flattert vor meiner Linse.
Erstaunt senke ich die Kamera.
Kindliche Freude kann ich in mir fühlen.
Lächelnd betrete ich das Lokal.
Die Wärme beschlägt mein Objektiv.
Lässt mich für einen Augenblick erblinden.
Aber ich genieße es.
Es ist, wie ein bisschen nachhause kommen.
Egal in welcher Stadt, egal an welchen gottverlassenen Ort.
Es muss nur eine Regenbogenfahne im Wind flattern.
Eintauchen in die bunten Farben.
In eine Welt, in dem die Frauen so sind wie ich.
Ich setze mich und bestelle mir mein Lieblingsgetränk.
Kirschbananensaft.
Lasse mir den süßen Geschmack auf der Zunge zergehen und fahre meinen Laptop hoch.
Zuerst sehen. Dann schreiben.
Am Ende nur noch fühlen.
Kombinationen erscheinen mir im Moment etwas schwer.
Möchte mich fallen lassen, mich in jeden einzelnen Sinn von mir ergeben.
Meine Finger gleiten über die Tastatur.
Können meinen Gedanken kaum folgen.
Schwirren wie kleine Kolibris durch die Luft.
Gedankenpause.
Knoten im Kopf.
Abgelenkt beobachte ich die Frauen.
Stecke mir genüsslich eine Zigarette zwischen die Lippen, inhaliere das bittere Gift, das nach mehr verlangt.
Lasse die Atmosphäre auf mich wirken.
Ich bin euch fremd, so wie ihr mir.
Und doch flackert ins uns allen dieselbe Leidenschaft.
Die Liebe zu uns selbst, in dem anderen Wesen vor uns.
Das passende Gegenstück, das eigentlich kein Gegenstück ist, da es uns selbst spiegelt.
Diese gnadenlose, irreführende, aber auch himmelstrunkenmachende, sternengreifende Liebe, die uns alle so süchtig macht, wie ein Junkie nach dem nächsten Schuss, verbindet.
Liebe, die uns auf die Jagd schickt, ungewiss, wo wir Beute finden werden.
Beute, dessen Jagdtrophäe auch wir selbst sind.
Vielleicht schnell gefunden, vielleicht hart erkämpft.
Liebe, die uns suchen lässt, im Labyrinth des Lebens, um das Paradies in ihr zu finden.
So irren wir durch den bunten Garten, in der Hoffnung uns selbst zu finden und unser passendes Gegenstück.
In den Augen der Person gegenüber…
Vielleicht werden mit ihr die bunten Blüten auf den Weg durch diesen Irrgarten wachsen, der mir allein trist erscheint.
Doch bin ich weder auf der Suche, noch auf der Jagd.
Müde bin ich geworden, vom Suchen, vom Jagen, vom Umherirren im Heckengewirr der Sehnsüchte, deren Dornen mir bitter ins Gesicht schlagen.
Ich möchte nur einen Augenblick rasten.
Meine erschöpften Glieder auf der Bank ausstrecken, meine Wunden lecken und Atem holen.
Und die Geschichte meiner Träume und Phantasien weiter schreiben.
Mich in ihnen verlieren und vielleicht etwas hoffen, dass diese zur Realität werden könnten.
Meine Finger finden wieder keinen Halt. Suchen Anschluss an meine Gedanken.
Wollen sie fangen. Ihnen Leben einhauchen, in dem ich sie nenne und somit Gestalt schenke.
Bis ich dich entdecke.

Meine Fingerspitzen, die eben noch über die Tastatur flitzten, erstarren plötzlich.
All die Worte, die aus mir heraus quollen, verdampfen zischend zu süßer Luft, wie überschäumende Milch, die auf die heiße Herdplatte tropft; all die Gedanken, die auf die leuchtende Leinwand meines Displays gebannt werden wollten, sind gelähmt durch deinen Anblick. Mit dem Objektiv meiner Kamera zoome ich dich mir so nah, wie ich es mir wünsche. Ich bin das Phantom, das unerkannt und ungekannt in einer Ecke sitzt und auf Lichtblicke wartet.
Und mit deinem Kommen, beginnt meine Obsession.
Ich fange dich mit all meinen Pixels, banne dich auf die Speicherkarte, brenne dich auf meine Netzhaut, dass ich dich sehe, selbst wenn meine Augen geschlossen sind.
Du erscheinst mir zu göttlich für einen Mensch.
Wie in Zeitlupe schwebst du durch die Bar.
Eine sanft hellerleuchtete Aura bildet einen unsichtbaren Schutzschild um dich.
Mit geschlossenen Augen kann ich es fühlen.
Die Wärme, jener Aura, die du ausstrahlst.
Wallende rotgoldene Locken zieren dein Haupt und deine Ohren blinzeln spitzbübisch hinter ein paar vereinzelten Strähnchen hervor.
Sind sie wirklich spitzer als die Ohren, die ich sonst wahrnehme?
Würde ich nicht an Elfen glauben, so würde ich jetzt anfangen und eines besseren belehrt werden. Und mich würde es nicht verwundern, wenn ich glitzersamtene Sternenstaubflügel entdecken würde. Aber diese hast du wohl versteckt.
Ein Blick in deine Augen; so braun-grün getupft, wie ein frohlockender Wald, und ich falle.
Falle heraus aus meiner Hektik, aus meiner Ruhelosigkeit.
Falle hinein in das blätterrauschende Dickicht ungeborener Träume.
In einer Geschwindigkeit, die mich ängstlich machen könnte.
Folgt denn nicht nach jedem Fall ein Aufprall?
Aber ich spüre keine Angst. Nur die Ruhe und den Frieden, den die Grashalme gierig auf meine Haut streicheln, über die ich jetzt schwebe. Schwerelos und leicht.
Der kühle Tau tröpfelt mir Verlangen auf meine Lippen.
Zulange leben sie schon ungeküsst.
Ich schließe meine Augen, löse mich aus meiner Hülle, um in meinen Sinnen neugeboren zu werden. All das bin ich. Sinne. Ohne Materie. Ich selbst bin zu tausenden kleinen Atomen und Molekülen geworden, die fröhlich durch die Luft wehen.
Das Zwitschern der Vögel singt mir Lieder, die ich nie zuvor wahrgenommen.
Ihre Töne durchstreifen meine aufgelösten Nervenbahnen, die wie Sonnenstrahlen durch die Luft tanzen und füllen sie mit farbenfrohen Düften.
Ich spüre die Kraft, die ich bin; die Ruhe und Gelassenheit, die ich lebe und den Höhepunkt des Seins so intensiv, dass es jedes irdene Gefühl verblassen lässt.
So stelle ich es mir vor, das Elysium mit all seiner Vollkommenheit.
Ewig möchte ich hier verweilen, doch dein kurzer Blick, der mir wie Lichtjahre erschien, verliert sich in der Menge lachender Frauen.
Und als hättest du den Knoten in mir gelöst, fließen meine Gedanken wie frisches Quellwasser durch meine erwachten Nerven, laben sie mit belebender Leichtigkeit, brechen jeden Staudamm zurück gehaltener Worte, kitzeln mich in den Fingerspitzen und malen sich wie selbst auf dem weißen Hintergrund des Schreibprogramms.
Fühle mich freiwillig gefangen. Ich bin nur noch ein einziger Gedanke und banne mich selbst in das leblose Medium, um vielleicht irgendwann von dir gelesen zu werden.
Bis der Gedanke, der ich bin, einer zu deinem wird.

Langsam erhebst du dich von deinem Sessel und für einen Moment befürchte ich, dass du wieder gehst.
Ich hoffe innerlich, dass du noch eine Weile bleibst.
Wenigstens solange bis ich meine Zeilen über dich beendet habe.
Du Muse meiner stillen Gedankenträumerei.
Dein Weg führt in Richtung Ausgangstür.
Mein Atem stockt. Bleib doch noch. Bitte.
Du biegst ab. Richtung Theke.
Du bestellst dir noch etwas zu trinken und mit dem Glas in der Hand kämpfst du dich zurück, durch die Masse bunter und fröhlicher Wesen.
Und als ob du meine Gedanken lesen könntest, schlägt dein Weg plötzlich einen Haken und führt dich geradewegs auf mich zu.
Gehst nicht vorbei, wie ich glaubte.
Setzt dich zu mir.
Deine Finger gleiten sanft über das Objektiv meiner Kamera.
Vorsichtig schraubst du die Schutzkappe über meine scharfen Augen.
Du blickst neugierig auf meinen Bildschirm.
Erhaschst ein paar Wortfetzen.
„Worüber schreibst du denn so hochkonzentriert?“
Mein Blick fällt auf meine letzten Worte, die flimmernd darauf warten, von mir beendet zu werden.
„Über dich“
Lächelnd blickst du mir tief in die Augen und führst mich hinaus aus dem Irrgarten des Lebens, hinein in deine magisch leuchtende Vollkommenheit, in der zarte Elfen mit leisem Gesang um uns herumtanzen.
Schwebend im taugeküssten Gras, umgeben von den gläsernen Strahlen der Sonne, die Regenbögen in das hellblaue Gewölbe malen und uns kristallglänzende Flügel schenken.
Und mit bunten Blumenkränzen im Haar, baden wir lachend im warmen Strom der Lethe, die mich so süß vergessen lässt.
Bis deine kristallklare Stimme erklingt und mich ins Leben zurückholt.

„Kommst du mit mir?“