Gedanken eines Träumers

Kurzgeschichte // © 2013 //

„Ich träume nie!“, sagte er leise und zuckte gleichgültig mit seinen Schultern. Der akkurat sitzende Anzug zog keine einzige Falte. Ein edler Stoff. Beste Qualität. Definitiv maßgeschneidert.

„Weder tagsüber, noch in der Nacht. Träume sind Schäume, so heißt es doch!“

Bedächtig schüttelte er seinen Kopf. Vielleicht sogar etwas ungläubig, dass es wirklich Menschen gab, die sich mit Träumen aufhielten. Träume, dessen Schaum an der Brandung der Realität unnachgiebig zerschellte.
„Meine Frau hat mir einmal ein Traumtagebuch geschenkt. Die leeren Seiten sind in der Bibliothek verstaubt. Mit was soll ich es denn auch füllen? Meine Welt sind die Zahlen. Natürlich nur die Schwarzen.“

Er lacht leise auf. Bei den Worten „schwarz“ und „Zahlen“ begannen seine Augen zu leuchten und ein diffuses Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. Er liebte jene Zahlen, die ihm das Leben so angenehm wie nur möglich machten.

„Das Leben rinnt dir wie Sand durch die Finger. Und die Zeit – die vergeht wie im Flug. Die darf man nicht mit herumträumen verschwenden.“

Ein kontrollierter Blick auf seine goldene Armbanduhr verriet seine Anspannung. Dieses Gespräch, obwohl erst begonnen, dauerte ihm wohl schon zu lange an. Seine Augen wanderten einen kurzen Moment zu dem Börsenteil der Zeitung, die vor ihm lag, ehe er sich wieder auf das eigentliche Thema konzentrierte.

„Als ich jung war, da hatte ich noch die Zeit und die Muße zum Träumen. Aber sie sind nie wahr geworden. Träumen wird von der Gesellschaft einfach nur überbewertet.“

Seine Hände griffen zum silbernen Etui und zogen eine dicke Zigarre hervor. Genussvoll löste er die transparente Folie, kappte das Mundstück und entflammte ein Streichholz.

„Und jetzt? Jetzt bin ich zu alt für sinnlose Tagträumereien. Ich packe an. Das habe ich schon immer getan. Mit Blut und Schweiß erklimmt man die Leiter des Erfolges. Ruhm wird durch Taten geschaffen. Nicht durch Träumereien.“

In Gedanken versunken machte er seinen ersten Zug und blies den kalten Rauch aus seiner Lunge. Leger lehnte er sich in seinen ledernen Chefsessel zurück und genoss den Augenblick der Stille, die ihn umgab. Die Entspannung zeichnete sich in seinem Gesicht ab, und in seinen wachsamen Augen spiegelte sich ein verklärter Ausdruck wider.

„Nur ein Narr verträumt die Zeit!“,

unterbrach er die Stille nach einer gefühlten Ewigkeit und zuckte gleichgültig mit seinen Schultern. Dann starrte er verwundert auf den letzten Rest von der rötlichen Glut der schwelenden Zigarre. Seine hochgezogene Augenbraue verriet seine stumme Frage. Eben erst noch hatte er den teuren Tabak angezündet und nun war es bereits bis zum Mundstück herab gebrannt. Was hatte er die ganze Zeit getan?

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