Geliebte der Nacht

Kurzgeschichte // © 2005 //

Der Vollmond verziert das dunkle Firmament, die Wolken leuchten hell und die Sterne strahlen klar in dieser sommerkühlen Nacht.
Ich sitze am Felsenrand der alten Burg Giebichenstein und genieße die wunderschöne Aussicht auf die,
sich langsam dahin schlängelnde, Saale.
Die Strömung spielt sanft mit dem Treibgut bis die Wellen es verschlucken, um es wenige Augenblicke später wieder an die Oberfläche zu führen.
Eine wundervolle Aussicht, die schon zu früheren Zeiten, Dichtersjünglinge und Maler anzogen, die Hymnen über diese schöne Handelsstadt schrieben und ihr Anblick in Öl bannte.
Heute tummeln sich hier vor allem aber Pärchen, die sich verliebt in andere Zeiten phantasieren; Touristen, die verzückt ihre Photoapparate in der Hand halten und nach Schnappschüssen Ausschau halten und neben den Studenten, gibt es noch viele andere Menschen, die hier einen Ort zum Entspannen finden oder ihren Entdeckerdrang nachgehen können. Jeder alte Baum, jeder einzelne Stein dieser Burg hat eine Geschichte zu erzählen, wenn man genau hinhört. Die Liebestragödie eines liebestollen Landgrafen; die blutgetränkten Böden mit den Tränen trauernder Frauen, um ihre Männer in der Grausamkeit des Kerkers; die beschwingten Tanzschritte junger Adeliger auf dem Parkett in einer bunten Ballnacht; die Gedanken zutiefst berührter Poeten, die ihre Liebe in den Mitternachtsstunden fanden. Oft sitze ich hier und berühre die alte Rinde der Bäume, fühle die Steine in meiner Hand und sauge die Geschichten ein, die sie mir zuraunen. Und sehr oft finde ich mich wieder, in diesen Geschichten, in den so verschiedenen Zeitaltern und in meiner Erinnerung. Vieles hat sich verändert, der Fortschritt ist unaufhaltbar und doch bleibt eines immer gleich oder wiederholt sich immer wieder aufs Neue: der Mensch an sich.
Die hektisch fahrenden Autos werfen ab und zu nervöse Lichtkegel an die alten Mauern.
Noch vor 200 Jahren fuhren Kutschen über die staubbeladene Brücke.
Galante Herren liefen neben ihren Damen, die graziös auf den Rücken der Pferde ritten und in die Burgresidenz durften nur geladene Gäste. Aber spätestens nach Einbruch der Dunkelheit wurde das Tor geschlossen. Noch eine Übernahme aus den Zeiten zuvor, als die Residenz als Staatgefängnis diente. Auf dem alten Marktplatz begann dann das nächtliche Treiben, während die Burgherren sich in Ruhe betteten, um sich der alltäglichen Aufgabe zu stellen, die Wirtschaft in diesem Erzbistum hoch zu kurbeln. Neben den Kornhäusern unterhielt die untere Burg ein Brauhaus, eine Brennerei und die Salzquellen. Auch noch heute dienen die Ruinen und die begehbaren Burgteile, der Wirtschaft und der Kultur, doch im Gegensatz zu früher ist immer Leben auf der Burg, selbst jetzt in der Nacht. Ich habe diese Zeiten genossen, doch das Hier und Jetzt macht es für mich einfacher.
Die Gefahren verkleinern sich, während meine Überlebenschance steigt.
Die Legenden verblassen.

Der Wind weht lau durch meine langen silbernen Haare und lässt mich leicht erzittern, ich öffne die obersten Knöpfe meiner samtenen Bluse, um seinen Hauch auf meinen weißen Brustansätzen zu spüren.
Während ich mich an der Ruinenmauer zurücklehne, um dich anzuschauen, zünde ich mir eine Zigarette an. In dem Lichtfunken des Streichholzes kann ich für einen kurzen Moment erkennen, wie du mich ansiehst und dann wieder scheu deinen Blick in dein Heft zwingst. Ich weiß, dass du mich beobachtest, ich fühle es, mit jedem Atemzug von dir. Und das nicht erst seit kurzem. Vielleicht schreibst du jetzt, in diesem Augenblick, etwas über mich in dein Notizheft. Oder malst du? Zusammengekauert sitzt du in einer windgeschützten Ecke, von Efeu umrankt, von einer schwachen Laterne umgeben und betrachtest die Schönheit der Nacht. Und irgendwie kommst du mir so verloren vor und ich habe auf dich gewartet. Wie jeden Abend.
Und das bereits seit fast 2 Jahren. Solange beobachte ich dich schon.
Folgte dir ins Theater, Kino, Tanzveranstaltungen. Und du weißt es. Kannst du mich spüren?
Deine einsamen Momente auf meiner Ruine führen dich immer wieder zu mir. Doch kein Wort von uns zerstört die voyeuristische Atmosphäre der Neugierde. Wir lernen uns schweigend kennen. Nie habe ich dich aus meinem Blickwinkel verloren. Du stehst unter meinem Schutz, damit dir nichts passiert und ich dich unversehrt in meine Welt führen kann. Vieles braucht Zeit zum reifen. Und auf diesen Moment zu warten, diesen einzigen Augenblick, an dem es kein Zurück mehr gibt und ich deine heilige Kostbarkeit auf meinen Lippen spüren werde, wie sie langsam meine Kehle entlang rinnt und meinen Herzschlag zum pulsieren bringt, mir neues Leben schenken wird; diese Sehnsucht mit allen Zügen zu kosten, ja, dieses Begehren in der Seele zu spüren und zu wissen, bald ist dieser Zeitpunkt erreicht, das macht das Warten so süß.

♣♣♣♣♣

Endlich, der schrecklich helle Tag mit all seiner Hektik und den immer in Bewegung scheinenden Menschen geht zur Neige und ich finde meine Ruhe wieder, in der Geborgenheit der sanft leuchtenden Sterne.
Wie sehr ich es hasse in Mitten der Leute zu sein und doch die Einsamkeit zu fühlen.
Nicht ihren Ansprüchen zu genügen, weil ich anders bin.
Nicht laut und voller Tatendrang die Welt zu verändern, sondern still und leise, in mich gekehrt, in meiner Welt versunken. Mit all meinen Gedanken und Geschichten. Die ich liebe und versuche mit Worten leben zu schenken. Die man lesen kann. Oder besser noch- fühlen.
Das ist mein Traum vom Leben. Aber als angehende Schriftstellerin, wenn auch noch jung und unerfahren, kann ich dem ganzen Gesellschaftsheckmeck nicht entgehen.
Doch unter ihnen bin ich nur auf der Jagd. Der Jagd nach neuen Geschichten und Träumen.
Und ich bin nur dort, wohin mich meine Gedanken führen. Und seltsamerweise führt mich mein Weg immer wieder zu dir. Egal wohin mich meine Schritte tragen. Am Ende meines Weges sitze ich hier auf der Burg. Und auch wenn ich dich selten sehen kann, spüre ich deine Anwesenheit so sehr, dass es mich erschauern lässt. Wie jetzt. In diesem Moment. Verborgen im efeuberankten Mauerwinkel, mit dem Blick auf die Saale. Das Mondlicht schimmert auf ihren Wellen und das Treibgut fließt von hier ins Nirgendwo.
Wie meine Gedanken. Sie rasen hektisch, wie die Autos, durch die Nacht und die hellen Lichtkegel könnten deine Augen sein, die mich immer wieder für einen Moment erfassen, bis sie ein anderes Ziel gefunden haben. Kurzzeitig. Denn immer wieder kehren sie zu mir zurück. Ich kann es spüren, auch wenn ich oft mit dem Rücken zu dir sitze. Sie streicheln von meinen Hüften meine Wirbelsäule entlang und legen sich auf meine Schultern, um dann an meinem Nacken zur Ruhe zu kommen. Eigentlich kann ich es nicht leiden, wenn mich jemand so beobachtet. Dieses Unbehagen, das sich dann in mir ausbreitet. Aber deine Blicke stören mich gar nicht. Ich ertappe mich sogar oft bei dem Gedanken, dass sie mir angenehm erscheinen.
Sie schenken mir Frieden.
Und heute sitze ich nicht mit dem Rücken, sondern mit dem Blick zu dir. Deine silbernen Haare wehen im seichten Wind und eben hast du deine Bluse etwas geöffnet. Deine Brustansätze schimmern so lieblich. Dieser Anblick lässt mich begehren. Deine Augen funkeln mich an. Sie leuchten fast violett im Mondschein und unsere Blicke treffen sich. Sogar sehr oft. Mit einem Stück gepresster Kohle versuche ich deine Augen auf meinen Block zu bannen. Und heute, ganz besonders jetzt, erkenne ich in ihnen so ein Verlangen.
Was wird es für mich bedeuten? Dieses Verlangen?

♣♣♣♣♣

Ich spüre deine sehnsüchtigen Blicke auf meinen Brüsten und der Gedanke, dass sie dich entzücken könnten, gefällt mir. Ich kann dein Begehren riechen, dieser süße Duft, der mich den Moment ersehnen lässt, dich endlich zu berühren. Die Vorstellung, dass ich dann auch meine Lippen an deinen warmen Hals legen werde und meine Zähne sich tief in dein festes Fleisch graben werden, lässt mich erschauern. Und deine Unwissenheit über dein Schicksal macht dich so unschuldig und reizvoll. Aber vielleicht spürst du es ja schon? Die meisten Opfer von mir müssen sterben, ohne dass ich etwas für sie empfinde.
Nicht einmal Mitleid. Sie sind einfach nur Gefäße meines Lebenssaftes, die ich mir nehme, wenn ich die Schwäche in mir spüre. Doch bei dir ist es anders.
Deine kurzen schwarzen Haare; die Strähnen, die dir locker in die Stirn fallen, lassen dich frech aussehen und doch kann ich in deinen dunklen Augen einen melancholischen Schleier erkennen, der dich sanft umhüllt. Wenn ich wollte, könnte ich in dir lesen. Einfach das Tor deiner Seele passieren und in Sekunden erforschen, was deinen Blick so trübt. Doch ich tue es nicht. Weil ich es von dir erfahren möchte. Deine Stimme soll erklingen, damit ich mich in ihr wiegen kann.
Wenn ich dich einfach so töten wollte, hätte ich es längst getan.
Aber du bist zu etwas anderem auserkoren und die Entscheidung wird bei dir liegen. Und heute Nacht wird diese fallen. Fast tut es mir leid, denn die Zeit des Wartens, so unerträglich sie auch war, gab mir einen süßen Sinn. Heute Nacht wird alles vorbei sein. Oder anfangen. Das kommt auf dich drauf an. Und auf den Wunsch in deinem Herzen, den ich nicht zu lesen wage. Nein, den ich nicht einfach so lesen möchte.
Du faszinierst mich auf eine unbekannte Weise. Vielleicht ist es deine Art, wie du lebst, wie du denkst, der meiner Lebensweise ähnelt. Oder einfach, wie du dich mir näherst und dein Blick mich streift, so scheu wie ein kleines Reh. Oder dein Duft, der mich auf dich aufmerksam machte und mich in deine Nähe führte. Zuerst noch dieser entsetzlich süße Geruch der letzten Kindheitserinnerungen, doch jetzt endlich mit dieser sinnlichen Herznote einer jungen Frau. Eine Mischung aus Zartheit, Verführung und Unschuld.
Danach habe ich mich gesehnt. Nicht nach dem Blut eines Kindes, sondern nach dem einer erwachten Frau.

♣♣♣♣♣

Egal was ich auch tue, wohin ich gehe, mit was ich mich beschäftige, immerzu sehe ich deine Augen auf mich gerichtet. Selbst wenn die Meinigen geschlossen sind. Und auch wenn du nicht in der Nähe zu sein scheinst. Ich weiß, du bist da. Worauf wartest du? Welchen Zweck verfolgst du mit mir?
Und warum fühle ich mich nur in deiner Nähe so friedvoll?
Selbst jetzt. Du bist mir unheimlich und doch so vertraut, dass es mich beunruhigt, dich nicht in meiner Nähe zu spüren. Es ist wie Magie, die uns immer wieder zusammen führt.
Wie in meinen Geschichten, die ich schreibe. Und erst ganz langsam wurde mir bewusst, dass du die Hauptrolle darin spielst. Die dunkle Verführerin, die tapfere Beschützerin, die elegante Unbekannte, die meine Träume verzaubert. Die schöne Mörderin? Ich glaube, ich weiß, wer du sein könntest. Und was du mir auch bringen wirst, es wird besser sein als dieses triste Leben, das ich zu führen gezwungen bin.
Etwas hat sich in mir verändert. Die Gewissheit, dass etwas passieren wird, ist so stark in mir, wie nie zuvor. Es raubt mir den Verstand. Zu warten, bis der Moment gekommen, der die Geschichte verändern wird. Meine Geschichte. Ich warte auf dich. Hier und Jetzt.

♣♣♣♣♣

Du ziehst dir eine Zigarette aus deinem Etui, steckst sie zwischen deine roten Lippen und suchend kramst du in deinen Taschen nach Feuer. Meine Gelegenheit. In einem Atemzug stehe ich neben dir und halte die lodernde Flamme an die Zigarette. Du hast dich gar nicht erschrocken, wie alle meine Opfer, wenn ich einfach so von einem entfernten Punkt, aus dem Nichts auftauche und mich zu erkennen gebe.
Du lächelst mich sogar dankbar an und bietest mir eine von deinen an. „Wie heißt du eigentlich?“
Deine Stimme klingt wundervoll. Obwohl du nur leise gesprochen hast, klang es wie eine Arie sehnsüchtiger Symphonien. Sie erinnert mich an eine Opernsängerin, die ich damals, auf meiner Reise durch Venedig, im aufgehenden Mondlicht geliebt habe, bevor sie sich für die ewige Ruhe entschied.
„“Adrienne Dupres.“
Höflich verbeuge ich mich vor dir und nach alter Kavaliersschule hauche ich einen Kuss auf deinen warmen Handrücken. Ganz überrascht schaust du mich an, bevor du dich vorstellst.
„Ich bin…“
„Tamara“ beendete ich deinen Satz. Du nickst mich lächelnd an.
Du fragst nicht, woher ich deinen Namen kenne. Nicht warum ich dich beobachte.
Deine Fragen bleiben unausgesprochen.
Schweigend sitzen wir dann nebeneinander und rauchen in der Dämmerung. Unsere Blicke suchen Antworten auf unsere geheimen Fragen in dem letzten Funkeln des Sternenlichts. Nur ab und zu ist das Leuchten des glühenden Tabaks zu erkennen, wenn unsere gierigen Lippen das bittersüße Gift einsaugen. Bis du die Stille mit einer einzigen Frage unterbrichst, während du den Mond bewunderst, der langsam in der Morgenröte versinkt. „Ist der Zeitpunkt gekommen?“

Ich weiß nicht, woher du weißt…
Kannst du es spüren? Dass das Leben dich heute Nacht ein letztes Mal küssen wird?
Einige Menschen fühlen ihren kommenden Abschied, wenn sie sensibel genug dafür sind.
Doch die meisten, sind blind gegenüber ihren Sinnen.
Leben Tag ein und Tag aus vor sich hin, mit blinden Augen und tauben Ohren, handeln mechanisch und ich frage mich, wie sehr Mensch sind sie noch? Sie erkennen das Leben erst, wenn der Tod unmittelbar vor ihrer Türe steht und schreiend klammern sie sich an ihren letzten Funken Hoffnung zu leben.
Ist es nicht erbärmlich?
Ihre Sinne, mit denen sie die Welt in ihrer ganzen Pracht und schönen Grausamkeit betrachten könnten, verkümmern, während sie stumm durch den Strom der Trägheit ziehen und ihren nicht wahr gewordenen Träumen hinterher weinen, anstatt zu leben.
Doch du bist nicht so. Du lebst jeden deiner Sinne und ich glaube, deswegen ist auch soviel Schmerz in deinen Augen. Durch deine Augen möchte ich die Welt sehen. Wie ist sie für dich? Auch trist und grau, wie für mich? Oder kannst du mit deinem Lächeln meine Welt bunt zaubern?

Ich nicke dir lächelnd zu und führe dich an der Hand in die Burgruinen, durch alte, nach Moder riechende Kellerverliese und öffne mit unbeschwertem Handgriff einen versteckten Schalter, um eine schwere Geheimtüre zu öffnen, die in meine Gemächer führt. Tief unter der Burg. Seit Jahrhunderten unentdeckt und gesichert. Noch nie zuvor habe ich jemanden Zutritt in mein Reich gewährt. Deine Hand zittert. Ich weiß nicht, ob du ahnst was auf dich zu kommen wird. Ob du deshalb zitterst. Warum du dich hier her führen lässt. Warum du nicht schreist oder zu fliehen versuchst. So wie meine Opfer, die nach ihrem Leben schreien, dass sie nicht verdient haben. Wie sie röcheln und bitten und flehen. Um zu leben.
Ein Leben, was sinnlos an ihnen vorbei zieht. Was sie nicht verlieren möchten, wollen.
Selbst der letzte Atemzug schreit nach dem Leben, dass sie nie hatten. Aber du- du bist ruhig. Du schreist nicht, bettelst nicht erniedrigend um Gnade, sondern nimmst meine Hand.
Einen Moment lang glaube ich sogar, dass du mich führst und nicht ich dich.
Du presst dich sogar an mich und deine Wärme umhüllt meinen kalten Leib.

♣♣♣♣♣

Er ist da. Der Moment, auf den wir beide so sehnsüchtig warten. Ich weiß nicht, wohin du mich führen wirst und was es für Konsequenzen haben wird. Doch ich will mit dir gehen. Ich bin dieses Leben so leid.
Tag ein und Tag aus dieselben Handlungen, dieselben Gesichter zu sehen, voll mit Egoismus und Gleichgültigkeit. Es ist kalt in dieser Welt und niemand der mir Wärme schenkt. Wirst du es denn tun? Kannst du mir eine andere Welt zaubern? In der die Sonne nicht so grell sticht und die grausame Wirklichkeit zu hell erscheinen lässt?
Eine Welt, in der die Farben nicht nur aus menschengemachten Einheitsgrau bestehen, sondern aus Regenbogenfarben? Wenn du mich berührst, sei es nur für einen kurzen Augenblick, dann kann ich eintauchen, in deine Seele. Auch sie kennt die Traurigkeit, wie die Meine. Und die Einsamkeit.
Ich spüre deinen Atem, er ist aufgeregt. Fast gleicht er meinem.
Ein Schalter. Und die Mauer bewegt sich. Warum habe ich ihn nie zuvor gesehen?
Dabei war ich doch schon tausendmal hier. Aber nie war es so dunkel wie jetzt.

♣♣♣♣♣

Deine Hand umklammert die Meine, als wir von der Dämmerung in die völlige Dunkelheit gleiten.
Im Gegensatz zu dir, kann ich in tiefster nächtlicher Schwärze sehen und die Gegenstände fühlen, die sich mir in den Weg stellen können. Und so zünde ich, in nur einem Wimpernschlag von dir, sämtliche Kerzen an, die den Raum sanft erhellen und ziehe dich auf mein samtumhülltes Bett. Ich weiß nicht, wie die Menschen darauf kommen, dass wir uns in steinernen Sarkophagen zur Ruhe betten.
Ein Himmelbett ist doch viel angenehmer. Und dort liegst du nun.
Und ich kann meine Augen nicht von dir abwenden.
Nie zuvor habe ich schöneres erblickt. Und jetzt nicht einfach so von dir zu trinken, mit all den Überlebens-urinstinkten, sondern dich zärtlich und behutsam zu lieben, das kostet Kraft und Geduld. Vorsichtig lege ich mich neben dich und streichle dir eine Strähne aus dem Gesicht. Deine Augen sind geschlossen, unterdessen deine Brust sich schnell vor Aufregung hebt und senkt. Meine Finger berühren sanft deine Lippen, öffnen deinen Mund und deine Zunge leckt mir über die Fingerspitzen, dass es mir eine Gänsehaut auf den Körper zaubert. Gleichzeitig befreie ich uns von dem Gewand, das mir auf einmal so hinderlich erscheint.
Dein wunderschöner Körper schimmert zart im sanften Licht der Kerzen und mein Mund hat die Reise schon begonnen, dich zu erforschen. Dein Duft ist nun viel intensiver, unschuldiger, als ich in Erinnerung habe. Er führt mich auf neue Pfade sinnlicher Begierde.
Während deine Hände meine weißen Brüste streicheln, sie liebkosen und massieren, sauge ich an deinen aufgerichteten Brustspitzchen, um dir ein leises Stöhnen zu entlocken. Meine Finger finden den Weg zu deinen Schenkelinnenseiten, die nun unter meinen Berührungen erzittern.
Dein Atem geht so schnell und deine Haut glüht wie die Sonne.
Für einen Moment habe ich die Befürchtung, die Hitze die sich mir entgegenströmt, könnte mich verbrennen.
Und während ich dich auf sanfte Weise reize und mit dir spiele, versinken wir zu einem leidenschaftlichen Kuss, um dann mit aller Zärtlichkeit in deine Nässe einzutauchen.
Unser Keuchen passt sich dem Rhythmus der Bewegungen an und lässt den Raum in andere Sphären schweben. Langsam lecke ich dir über deine pulsierende Halsschlagader und ritze meine Zähne in dein warmes Fleisch, bis einige Blutstropfen aus der Wunde bis zu deinem Schlüsselbein perlen und letztendlich von meiner Zunge gefangen werden. Du stöhnst laut auf und ich weiß nicht, ob es der Schmerz war oder deine Lust, die deine Hände in meine Hüfte krallen lassen. Welch ein Unterschied zwischen uns beiden. Du so voller Leben und Wärme, die durch deine Adern rauscht und deine Haut mit einem blassrosa Teint, während ich weißem Alabaster gleiche. Makellos wie eine feingeschliffene Statue. Unscheinbar und wirkungslos. Aber du, du bist einfach wunderschön.
Und wie wundervoll wirst du erst aussehen, wenn das Mondlicht durch deine Adern fließen wird.
Meine Zunge wandert von deinen Brüsten zu deinem Bauch, auf jeden Millimeter hinterlasse ich kleine Küsse, um dann endlich mit meinen Lippen in deinen Schoß zu sinken. Dein Duft und der liebliche Geschmack frischen Blutes betören meine Sinne, dass ich dich in meiner Gier zerreißen könnte.
Und je wilder meine Zunge den Takt anschlägt, umso leidenschaftlicher singst du dein Lied der Ekstase, Macht und Ohnmacht. Bis dich die Wellen der Erlösung so sehr erschüttern, dass ich zum ersten Mal begreife, was es bedeuten könnte, sich mit ganzer Seele fallen zu lassen.

♣♣♣♣♣

Oh mein Gott, meine Haut brennt. Jede Faser, die du berührst und küsst.
Und etwas in mir schreit nach mehr. Meine Sinne bersten vor Verlangen und nie zuvor habe ich die Vollkommenheit in mir gespürt. Warum erst jetzt? Warum musste ich solange warten, um das Leben zu spüren. Wie es sich in mir verteilt, in jede Zelle sauge ich deine Lust.
Und meine. Spüre wie sie zu unserer wird. Mein Blut, wie es rauscht in dieser Ekstase.
Du bist so wundervoll. Deine Berührungen sind so zärtlich, als ob ich zerbrechen könnte.
Und der kurze Schmerz, als deine Zähne meinen Hals leicht verwundete, er war so süß, so lustvoll, dass es mir fast den Atem nahm. Und ich fühle mich, als ob ich fliegen könnte. Auf deinen schwarzen Schwingen, durch die Nacht, in die Symphonien unserer Gelüste. Ich falle und ich schwebe.
Ich könnte weinen, so tief berührst du mich. Ich möchte in dich fallen, mit dir verschmelzen, zu eins werden. Halt mich fest. Drück dich an mich. Bitte. Dein Atem, er kitzelt auf meiner Haut. Und deine Haare, die sanft wie eine Feder über meinen erhitzen Leib streichen. Wie konnte ich zuvor nur leben? Ohne diese Gefühle? Deine Haut, so schimmernd weiß, ich hätte nie gedacht, dass sie so weich sein kann.
Und dein Duft. Ich habe immer geglaubt, Mondkinder riechen nach nichts. Aber du, dein Duft lässt mich vergessen und nur noch verlangen. Lässt mich das Unmögliche begehren. Und doch weiß ich, dass du es mir schenken kannst. Das Unmögliche. Weil ich es so will. Weil du es so willst. Bitte, warte nicht länger, sondern nimm mich. Jetzt flehe ich doch. Und ich bitte und bettele. Und die Furcht lässt mich etwas erstarren. Aber ich kann nicht mehr länger warten. Zeig mir deine Macht…ich will dich spüren.
Deine Stimme, wie sie leise zu mir spricht. Du hüllst mich ein in Zärtlichkeit.
Hör auf zu fragen. Spürst du es denn nicht, dass ich dich will? Mit ganzer Seele?

♣♣♣♣♣

Stunden sind nun schon vergangen und unzählige Male durfte ich deine Lieder hören, die mein tot geglaubtes Herz auf das Liebevollste berühren. Stunden voller Ungeduld und sehnsüchtigem Begehren.
Aber jetzt ist er da. Der Moment, der alles verändern wird.
Ich war in deinem Alter, als ich mich entscheiden durfte. Und nun, 731 Jahre später, werde ich es in deine Hände legen, wie die Zukunft aussehen wird. Ich knabbere noch kurz an deinen Ohrläppchen, genieße dein letztes menschliches Stöhnen und während ich mich an deinen Hals schmiege, hauche ich dir die Frage aller Fragen ins Ohr:
„Sag mir, möchtest du Leben oder Sterben?
Ist es der Wunsch zu Leben, der in deinen Augen aufblitzt?
Oder doch die Sehnsucht nach dem Tod?
Du kannst dich entscheiden.“
Dein Herz rast, ich kann es spüren. Dein Blut, das ganz langsam durch deine Venen gepumpt wird und der Klang, der mich berauscht. Ich fühle deine Angst, die dich lähmt und hinter dem Schweigen deiner Augen kann ich dein Verlangen lesen. Dem Verlangen nach mehr.
Aber nach was verlangst du?
„Überlege es dir gut. Denn es kann nicht rückgängig gemacht werden, egal wie du dich entscheiden wirst. Beide Wege bedeuten deinen Tod, doch nur einer führt zu einem neuen Leben.“
Dann streichelst du mir zärtlich über mein Gesicht, bis du mein Kinn anhebst, um mich anzuschauen. Deine Augen blicken tief in die Meinigen. Ein einziger Blick, der alles sagt, was schweigend über deine Lippen kommen möchte.
Du löst deinen Blick von mir und deine Zunge kostet dein Blut von meinen Lippen, spielt mit meiner Zunge, streichelt vorsichtig sanft über meine scharfen Fangzähne, um dann ungeduldig an meinen Lippen zu saugen, bevor du mir dann die leicht blutende Wunde an deinem Hals erneut offenbarst.
Doch diesmal werde ich deine Haut nicht nur anritzen. Während ich meine Zähne tief in deine Adern bohre, meine Lippen diese Quelle umschließen, dein Blut schneller als vorher sich den Weg an die Oberfläche bannt und ich in den Rausch des Durstes falle, gräbst du wimmernd deine Fingernägel in meinen Rücken, dass es auch mich fast vor Schmerz zerreißt.
Doch einen süßeren Schmerz habe ich nie erlebt.
Mit aller Macht drücke ich dich fest an mich, damit wir uns spüren.
Und als dein letzter Blutstropfen die Wunde verlassen will, dein Herz zum letzten Mal schlagen möchte, deine Seele nun schon über uns schwebt und deine Kräfte nur noch schwach in deiner Aura leuchten, biete ich mich dir an.
Dass du dir das nimmst, was ich dir zuvor genommen habe, was dich leben lassen wird, die Essenz allen Lebens, dein Blut, in meinen Adern.
In dem Augenblick, in dem wir beide Eins werden, unser Blut sich mischt und die Geschichten, die unsere Seelen sich erzählen, unsere Herztöne, die zusammen im Takt schlagen, in diesem Augenblick kennen wir die Ewigkeit. Und zum ersten Mal wissen wir beide die Bedeutung von Liebe, die uns von nun an verbinden wird.
Hier in dieser Stadt, in dieser Burg und ihrer Ruine, mit der wunderschönen Aussicht auf die sich langsam dahin schlängelnde Saale, mit dem immer zu bewegenden Treibgut und den vollmondbeschienenen Nächten, die zum Jagen einladen, mit all den Touristen, den Paaren und den Menschen, die unser Leben erhalten werden.