Kuss der Lilie

Kurzgeschichte // © 2008 //

Bedächtig langsam, mit leicht zitternder Hand zupfte Irene die welken Blätter aus dem Feuerlilienstrauß. Der einzige Farbklecks in diesem tristen Zimmer.
Unschuldig weiß, ernüchternd weiß, sind die Wände und die Möbel hier.
Nein, steril weiß trifft es am besten. Sauber und unpersönlich. Leicht zu reinigen.
Die rötliche Färbung der Blütenblätter sticht sofort ins Auge, ist ein Blickfang, sobald man das sterile Zimmer betritt.
Feuerlilien, das sind Ulrikes Lieblingsblumen. Deswegen hat Irene diese hier auch in eine zarte michglasfarbende Vase gestellt. Genau neben Rikes Bett. Dabei wusste Irene doch genau, dass sie diese Lilien nicht mehr betrachten würde. Kein Lächeln war jetzt mehr auf Rikes Lippen zu erkennen. Nur ihre Brust hebt und senkt sich noch sachte. Es schien, als ob ihr alles schwer fallen würde. Selbst das Schlafen und das Atmen. Ihre sanfte Stimme ist verstummt. Und wehmütig erinnerte sie sich an Rikes Freude, wenn sie in der Frühe, kurz nachdem die Sonne aufgegangen war, immer in den Garten schlich. Barfuss und im Pyjama lief sie über den morgentaugeküssten Rasen und lachte leise, weil die Grashalme an ihren Fußsohlen kitzelten. Und mit einem Zwinkern sah sie dann immer zum geöffneten Küchenfenster, an dem Irene stand und das Frühstück vorbereitete, während Rike die Lilien dann behutsam streichelte und ihren süßen Duft einsog.
„Die Lilien, sind genau wie ich. Das Weiß steht für unsere Unschuld und die roten Flecken sind unser Temperament; das Feuer, das in unserer Seele innewohnt.“
Und immer wieder mussten beide über diesen rituellen Satz lachen, denn keine von beiden konnte ihm glauben schenken, dass Unschuld und überheißes Feuer Hand in Hand gehen können. Es war ein Widerspruch an sich. Und doch mochte keine der beiden auf diesen alltäglichen Witz verzichten.

Und nun? Was wird jetzt kommen? Was wird Irene jetzt in der Früh machen, wenn die ersten Frühlingssonnenstrahlen den Morgentau auf den Gräsern verdunsten lässt, dass es den Anschein macht, ein leichter Nebel lege sich über den Rasen? Wird sie je wieder lächelnd am Fenster stehen, in den Garten hinaus sehen und gleichzeitig die Kaffeebohnen in der alten Mühle mahlen? Sie wusste es nicht. Denn sie konnte sich einfach kein Leben ohne Rike vorstellen. Sie haben schon einfach zu lange zusammen gelebt. Und doch war es viel zu kurz.
Das Zittern ihrer Hände wurde wieder stärker und mit einem Seufzen betrachtete Irene ihre Handoberfläche. Welk mit unzähligen Altersflecken besprenkelt und fast durchsichtig, dass man die feinen Äderchen durchschimmern sehen konnte, wie die alten Blätter der Lilien, die sie wieder behutsam abzupfte.
Nur konnte man das Welke an ihren Händen nicht zupfen, damit der Körper Kraft sammeln könnte, um frische Triebe spießen zulassen. Auch ihr Zeitpunkt würde bald kommen, an dem es heißt, Abschied zu nehmen und loslassen zu müssen, damit neues Leben an ihrer Stelle wachsen kann. Aber wer wird Abschied von ihr nehmen? Es wäre niemand da. Der mit stiller Trauer kleine Segnungen für die unbekannte Reise wünschen würde.
Mit tränendem Blick starrte Irene auf die kleinen Tropfen der Infusion, die gemütlich durch den durchsichtigen Plastikschlauch liefen, um dann in Rikes Arterien durch ihren Körper zu strömen. „Damit sie keine Schmerzen hat“. Das sagte ihr die Schwester. Auch im sterilen weißem Gewand. Makellos und rein. Und auch, dass sie bald von uns gehen würde, sagte ihr die junge Schwester. Das „Von uns“ hallte noch eine Weile durch Irenes Gedanken.
In Wirklichkeit heißt es aber „Von mir- ja von mir wird sie gehen. Niemand wird es tief treffen. Nicht den Ärzten, nicht den Schwestern. Aber mir wird es wehtun. Denn sie wird mir entrissen“. So dachte Irene im Augenblick. Und wer hätte das Recht ihren Gedanken zu widersprechen, wenn sie die Wahrheit sprachen?
Und wer hätte das je gedacht, dass sie einmal am Todesbett ihrer Geliebten stehen würde?
Dabei war sie doch die Ältere. Hatte sie nicht die Pflicht hier zu liegen, anstelle von Rike und von ihr zu träumen, gefesselt in diesem weißenbezogenen Bett.
Steril ist es nicht, aber unpersönlich schneeweiß oder weiß wie die Unschuld, Rikes Unschuld.
Sie empfand es als unfair, dass sie jetzt schon aus dem Leben gerissen wird.
Dabei hatten beide doch noch so viele Träume, die sie erfüllen wollten.
Doch dann kam etwas dazwischen. Diagnose Lungenkrebs.
In dem Alter kommt das häufig vor, sagte ihr der Arzt und lächelte ihr versucht mitfühlend ins Gesicht. Doch was konnte der schon wissen? Ja die Theorie, da kannte sich wohl so mancher Doktor gut aus, aber was ist mit der Seele der Hinterbliebenen und Trauernden?
Warum konnte man der Seele nicht helfen? Wenn es schon Schmerztherapie für den Körper gibt. Und was heißt schon in dem Alter?
Irene ist mit ihren 81 Jahren noch quicklebendig, trotz kleinerer Wehwehchen. Das Zittern ihrer Hände will zwar nicht mehr aufhören und ja das Gehör lässt nach, die sonst so scharfen Augen werden etwas trüb, aber was ist das denn schon gegen Rickes Schicksal? Junge 76 Jahre und am Ende ihrer Kräfte. Das hat sie wirklich nicht verdient.
Liebevoll strich Irene über Rikes ergrautes Haar und beugte sich vorsichtig zu ihrem Mund, um einen sanften Kuss auf ihre blassen Lippen zu hauchen.
Nächsten Monat ist es 42 Jahren her, als sie sich zum ersten Mal geküsst haben. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wenn sie auch später als gewöhnlich kam, aber sie schlug ein wie ein Blitz und ließ selbst jetzt nicht nach und noch immer spürt sie die Lebendigkeit auf den Lippen, die ihr die Küsse immer geschenkt haben. Doch dieser jetzige schmeckt einfach nur nach Erschöpfung. Ihre Lippen sind nicht mehr die jüngsten und mussten auch viel an Schönheit einbußen, doch der Kuss war nicht weniger Liebevoll wie in jüngeren Jahren.
Sachte klopfte es an die Tür und zwei Schwestern bannten sich ihren Weg durch die Infusionsständer, um neue Flaschen anzuhängen, die dann später, falls es noch notwendig sein sollte, wieder an Rike angeschlossen wurden. Ein regelrechter Kabelsalat war das.
Ein Schlauch für die künstliche Ernährung, in großen Beuteln verpackt, die den ganzen Tag im Schleichtempo durch Rikes Venen tropften, weil sie seit langem nichts mehr essen konnte.
Ein Schlauch der auch alles wieder abführte und noch einer an ihrem zarten Handgelenk, mit einem Verbindungsstück für die verschiedenen Infusionen, die Rike bekommt.
Ein kurzer Blick zur Uhr. 11.27 Uhr. Jetzt ist es wieder an der Zeit die Patienten zu lagern.
Als ob das jetzt noch was ausmachen würde. Könnten sie Rike nicht einfach friedlich da liegen lassen, anstatt sie in sämtliche andere Richtungen zu zerren?

Irene ging mit schwerem Schritt zum Fenster, sie konnte den Anblick nicht ertragen, wenn die Schwestern an ihr rumhantierten. Auch wenn es ihre Arbeit war.
Ihr Blick fiel auf die regenschweren Wolken. Es wollte einfach nicht Frühling werden, obwohl es schon Mitte April war. Ihre Augen suchten einen Fixpunkt in der betrübten Großstadtlandschaft. Auf dem Sendemast genau gegenüber entdeckte Irene glänzend schwarzgefiederte Krähen, die unruhig umher flogen oder sich einen Platz zum sitzen suchten. Und für einen kurzen Augenblick kam es Irene vor, dass eine der Krähen in ihre Richtung blickte, um dann den schwarz-grauen Schnabel in Zeitlupe zu öffnen.
Dieser lang gezogene knarrende Ruf, der aus dieser Kehle drang, erschreckte Irene etwas.
Und tief in ihr beschlich sie ein unheimliches Gefühl. Als ob die Krähe sie meinen würde.
Mit ihrem Blick, mit ihrem Schrei. Und dann fiel es ihr wieder ein.
Wie ein Film spulte ihre Erinnerung durch ihre Gedanken.
Irland. Im Frühling. Eine Urlaubsreise, zu Rikes 65. Geburtstag, den sich beide immer gewünscht hatten. Mit den Motorrädern wollten sie schon immer nach Irland. Doch in ihrem Alter nahmen sie lieber das Flugzeug. Und es war auch so unbeschreiblich schön und bewundernswert. Anstelle der laut knatternden Bikes, sind beide in Decken eingehüllt mit Kutschen durch die grünenden Landschaften gefahren. Gemeinsam haben sie, eng aneinander gekuschelt, die Schönheit der Natur bewundert und mit dem Photoapparat in der Hand alle Faszinationen auf Papier gebannt. Das grad erwachende satte Grün der Pflanzen, Bäume und Rasen; die bunten Frühlingsblumen, die im Grün mit ihrer Schönheit bestachen; die Klippen und Berge, die einem das Gefühl von ewig anhaltender Freiheit schenkten; die alten Schlösser und Ruinen, die zum Träumen verführten. Nur die Düfte, die saubere Luft und das Lachen der fremden Menschen konnten sie nicht fangen. Aber noch immer im Herzen spüren. Die Gastfreundlichkeit, das rege Interesse an Ihnen und die unzähligen Stunden, die sie in verschiedenen Pub´ s verbracht haben, um den alten Legenden zu lauschen.
Ganz besonders haben sie die Geschichten der Naturgeister verschlungen und sich zu ihnen geträumt. Kleine Elfen, mit regenbogenfarbenden Flügeln, die geheimnisvoll durch die Luft schwebten; kleine Trolle, mit lustigen Jäckchen und Hosen aus Pflanzen und Blättern, die ihren Schabernack trieben; die kleinen Feen, die die Elementarzauber beschworen, um die Erde im Einklang zu halten. Stundenlang haben sie mit roten Wangen und sanften Berührungen ihrer Hände den Erzählungen gelauscht.
Und dann waren da noch die Banshees. Geisterhafte Wesen, die Tage vorher den Tod ankündigen. In dunklen Gewändern und totenbleich, schreien sie den Schmerz in die Welt, den nur die Angehörigen hören können und aufgrund des Schreis bzw. Heulens so gefürchtet sind. Manchmal werden sie jedoch auch als sanft und tröstend beschrieben.
Es heißt, sie tragen die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt.
Ihr Schrei soll leicht an das laute Krächzen von Krähen erinnern.
So erzählte man es ihnen und während beide erstaunt und ein wenig erschauert zuhörten, war doch der Tod noch so weit entfernt, als das beide intensiver darüber nachgedacht hätten.
Nein sie waren mitten im Leben. Und erfreuten sich an der Kostbarkeit des Lebens.

Ein zweiter Schrei der Krähe drang an Irenes Ohr und ließ sie zusammenzucken.
Nein, dass ist nur eine Legende. Auch wenn sie seit der Reise an diese Naturgeisterlegenden geglaubt haben. Aber jetzt wollte sie nicht daran glauben, nicht mehr.
Irene konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ihre geliebte Rike in die Unterwelt geführt wird, von einer Banshee in Krähengestalt. Und es wäre die Krähe nicht schon Hiobsbotschaft genug, fing es auch noch an zu regnen. Leise tropften die schweren Himmelstränen an das Fenster. Brachen die schweigende Stille. Und ein Schluchzen drang aus Irenes Kehle.
Ganz langsam ging sie wieder zu Rikes Bett, nahm ihre Hand und legte ihren Kopf behutsam auf Rikes schwach schlagendes Herz. Rikes eigenen süßlichen, geliebten, Duft ließ Irene erschöpft an ihrer Brust einschlafen. Nur noch einmal zusammen liegen, eng aneinander gepresst, die Wärme spüren und die Liebe, die beide seit Ewigkeiten verbindet, in voller Harmonie einschlafen, mehr wollte sie nicht.
Nicht ganz eine Stunde später erwachte Irene aus ihren unruhigen Schlaf.
Etwas wurde schwer auf ihrem Kopf, so dass sie sich nicht bewegen konnte. Und als sie langsam den Kopf anhob, um zu erfahren, was diese Schwere wäre, glitt Rikes Hand über Irenes Haare. Mit Tränen verschwommenen Blick wusste sie, was passiert war.
Und ein Weinkrampf ließ ihren Körper erzittern.
Ganz fest drückte sich Irene an ihre geliebte Rike, doch ihre Brust hob und senkte sich nicht mehr. Noch immer strahlte Rike ihre Wärme aus, aber jetzt war es vorbei.
In Panik stürzte Irene zum Fenster. Die Krähen, die Krähen, schoss es durch ihren Kopf.
Doch keine einige saß mehr an dem Sendemast. Einsam und unbesetzt stand er in dieser Landschaft aus Häusermeeren. Selbst die regenschweren Wolken waren verzogen und die Sonnenstrahlen fanden ihren Weg in die triste Großstadt.
Etwas erleichtert seufzte Irene auf. Keine Krähen, keine Banshees, die Rikes Seele davon trugen. Sie drehte sich wieder um, mit dem Blick zu den Feuerlilien und nahm eine Blüte in die Hand, führte sie an ihre tränenheißen Wangen und küsste mit feuchten Lippen ihre Blütenblätter. Und mit einem Mal hörte sie einen leisen Glockenklang. Silberne hauchfeine Töne glitten in ihre Gedanken, die sie leichter werden ließ. Und trotz der geschlossenen Fenster konnte Irene einen Hauch in ihrem Nacken fühlen. Als ob Rike, wie früher immer, einen sanften Kuss an diese Stelle hauchen würde. Gänsehaut lief ihr über den ganzen Körper, wenn sie Rikes Kuss dort spürte, wie jetzt auch.
Noch einmal blickte Irene aus dem Fenster, als der Glöckchenton nun ganz langsam intensiver wurde und erstaunt betrachtete sie einen regenbogenfarbenden Schmetterling, der vor dem Fenster in den Sonnenstrahlen tanzte.
Und als sie dann in Rikes ruhiges Gesicht sah, konnte sie ein Lächeln auf ihren blassen, stummen Lippen erkennen.
Bevor Irene den roten Alarmknopf drückte, der sämtliche Schwestern und Ärzte zur Bereitschaft rief, strich sie noch einmal mit aller Liebe über Rikes Wangen, um dann den letzten zärtlichen Kuss auf ihre Lippen zu hauchen.
„Pass gut auf, auf dich. Ich werde dir folgen. Ganz bestimmt werden wir uns wieder sehen und dann tanzen wir zusammen mit regenbogenfarbenden Flügeln durch die Sonnenstahlen.
Ich liebe dich…“