Leseprobe

PROLOG
IRLAND
OKTOBER 1814

Fast zwei Jahrzehnte nachdem das irische Königreich fiel, focht das Volk der grünen Insel noch immer einen unermüdlichen Kampf für ihre Unabhängigkeit gegen die britische Herrscherschicht. Doch trotz des Jochs jahrhundertelanger Unterdrückung gab Irlands Volk nicht auf. Die Kluft zwischen den Iren und dem zugezogenen, englischen Adel war kaum mehr zu überbrücken. In dieser Welt voller Feindschaft, inmitten nie enden wollender Religionskriege und rebellischen Bauernaufständen, wurde aber noch eine andere Schlacht ausgetragen: Zwei verbundene Grafschaften – eine dunkle Vergangenheit.
Und der stetige Kampf um eine Liebe in den Wirren politischer Intrigen. Ein leidenschaftliches Gefecht, nicht nur um der Freiheit Willen, sondern auch um Akzeptanz und den Platz in dieser Welt.


1
AUFBRUCH
DER LETZTE BLICK ZURÜCK

   Müde bin ich geworden. Vom Suchen, vom Jagen, vom Umherirren im Heckengewirr der Sehnsüchte, dessen spitze Dornen mir bitter ins Gesicht schlagen. Ich möchte nur einen Augenblick rasten, meine erschöpften Glieder auf einer Bank ausstrecken und meine Wunden lecken. Aber ich laufe tapfer weiter. Doch jeder Schritt, den meine Beine machen, bringt mich weitere Schritte zurück. Meine Sehnsüchte – unerreichbar für mich. Wie lange kann man seinen Träumen hinterher laufen, bevor man vor Erschöpfung zusammenbricht?

Ein leises Kratzen ertönte, als die Spitze des Federkiels mit einer schnellen Handbewegung über das Papier huschte. Mit einem Tuch wischte sie zufrieden die restliche Tinte von der Federspitze. Das Löschkissen presste sie liebevoll auf das glatte Papier, um die noch nicht gänzlich aufgesogene Farbe zu trocknen. Und mit einem tiefen Atemzug sog die junge Frau die schwache Duftnote der schwarzen Flüssigkeit in sich auf. Wie sehr sie diesen Duft liebte, der eine Vielzahl an Geschichten zu erzählen vermochte. Seufzend erhob sie sich, stützte sich an der Tischplatte ab und betrachtete zerstreut ihr gleichmäßiges Schriftbild auf dem Papier. Vielleicht noch ein oder zwei Seiten mehr, dann wäre das Kapitel endlich vollendet.

Geistesabwesend ging sie im Raum umher und zog unsichtbare Kreise. Vor dem polierten, mannshohen Spiegel blieb sie für einen Moment stehen. Ihr aristokratisches Antlitz sah ihr würdevoll entgegen. Und für einen Moment versank sie in ihren himmelblauen Augen, die von hellen Sprenkeln durchzogen und von dichten Wimpern umsäumt waren. Ihr kritischer Blick wanderte von ihrem kurz geschnittenen, sonnenfarbenen Haar, zu ihrer zierlichen Nase, weiter zu ihren schmalen Lippen und ruhte letztendlich auf ihrem schlanken, athletischen Körper, der in eine Art prachtvolle Uniform gehüllt war. Davon überzeugt, gut auszusehen, wand sie sich vom Spiegel ab und zog erneut ihre ungeduldigen Kreise. Schließlich verharrte sie an der Fensterfront des komfortablen Gemaches. Fasziniert beobachtete sie den leidenschaftlichen Tanz des bunt verfärbten Herbstlaubes in der Abenddämmerung, das sich ungestüm vor ihrem Fenster im Wind treiben ließ. Selbst das leise Klopfen an der Tür und das anschließende, verhaltene Hüsteln konnte sie nicht dazu bringen ihren Blick von dieser unbändigen, wilden Schönheit zu lösen. Ohne sich zu dem Gast umzudrehen, hob sie ihre rechte Hand und befahl mit einer kurzen, winkenden Geste, näher zu treten. Lautlos durchquerte die Person den großzügigen Raum.

»Endlich kommst du.«

»Ja, M’Lady.« Die jüngere Frau, in dem unscheinbaren Gewand einer Dienstmagd gekleidet, machte einen demütigen Knicks und senkte dann erwartend ihren Blick.

»Warum so förmlich, Sofie?« Mit einer geschickten Bewegung drehte sich die junge Lady zu ihrer Besucherin um, nahm das vor Verlegenheit gerötete Gesicht in ihre Hände und begann es leidenschaftlich zu küssen.

»Rhona … Rhona … Rhona.« Die Zofe hauchte so oft den Namen ihrer vornehmen Geliebten, wie diese ihre Lippen wieder freigab. Doch so sehr Sofie die leidenschaftlichen Küsse und das sanfte Umwerben auch zu genießen versuchte, war sie zu sehr in ihrer Angst gefangen, um sich vollends den Berührungen ihrer Herrin hinzugeben.

Lady Rhona bemerkte die verkrampfte Körperspannung ihrer Gespielin und versuchte sie mit einem sanften Streicheln über deren Wangen zu beruhigen. »Hab keine Angst, es wird niemand kommen. Vater ist im Rat beschäftigt und Mutter bei ihren Freundinnen in der Stadt. Vor morgen Mittag wird uns niemand stören.«

Sofie nickte sichtlich beruhigt und ließ die junge Lady erneut gewähren, die nun quälend langsam die vorderen Knöpfe ihres Dienstkleides öffnete. Mit einer Spur von Ungeduld seufzte die Magd leise auf. »Heilige Mutter Gottes …«

»Komm und führe mich in Versuchung«, erwiderte Lady Rhona leise kichernd, als sie den oberen Teil des Kleides über Sofies Schultern zog.

»M’Lady«, bemerkte die Magd mit gespielter Bestürzung »das ist Blasphemie.«

»Hmm«, murmelte Rhona geistesabwesend, sog den lieblichen Duft der Erregung tief in sich ein und musterte die Zofe mit langen Blicken. »Du bist so hübsch, Sofie. Weißt du das eigentlich?« Geschickt wechselte sie das Thema. Der Sinn stand ihr nach etwas ganz anderem, als über Religion zu philosophieren.

»Nur in Euren Augen, Lady Rhona. Niemand sieht mich so an wie Ihr«, erwiderte Sofie leise und strich sich verlegen eine Strähne aus ihrem Gesicht, die sich durch Rhonas wilde Küsse dorthin verirrt hatte.

Liebevoll schnappte Rhona Sofies Hand und zog sie vor den mannshohen Spiegel, in dem sie sich einige Momente zuvor selber betrachtet hatte. Zärtlich fuhr sie mit ihren Fingern durch Sofies langes, nussbraunes Haar, das wie ein glattes Flies über ihre Schulter fiel, wanderte langsam weiter zu ihrem Hals, umfasste ihr Kinn und zwang Sofie, sich selbst anzusehen. »Sie dich an! Und dann sag mir, dass du nicht schön bist«, forderte Rhona leise auf. »Diese rehbraunen Augen, die mich zu umgarnen wissen. Dieses winzige Muttermal neben deinem linken Auge. Diese sinnlichen Lippen, die mir den Atem rauben. Und dieser reizende Körper, der mich zu entzücken weiß.« Mit verführerischen, kreisenden Bewegungen glitten Rhonas Hände von den Schultern nach vorne zu Sofies Dekolleté und umfassten sanft die kleinen, festen Brüste. Weich und anschmiegsam pressten sie sich gegen ihre warmen Handflächen. Es schien, als wäre Sofies Busen für Rhonas Hände geschaffen. Von dem halbnacktem Spiegelbild der Magd berauscht, biss sich Rhona auf ihre Lippen und schenkte Sofie sodann ein schelmisches Lächeln.

»Ich kenne diesen koketten Blick von Euch. Und er wird nichts Gutes für mich verheißen«, stöhnte die Zofe erregt unter den rhythmischen Berührungen. Und ohne ein Wort der Vorwarnung ließ Rhona von ihren Annäherungen ab, umfasste dann das Gewand an Sofies zierlicher Hüfte und riss den Stoff mit einem heftigen Ruck auseinander. Mit einem zufriedenen Lächeln ließ Rhona das zerrissene Gewand zu Boden gleiten, packte die nackte Zofe an den Händen, und zog sie vom Spiegel fort, zu ihrem Himmelbett. Sanft stieß sie die Magd, die vor Schreck leise aufquietschte, in das Kissenparadies und legte sich lachend neben sie. »Ihr seid ein Kindskopf, Lady Rhona.« Sofies Stimme bebte noch immer, aber ihre braunen Augen glänzten vor verräterischer Freude.

»Ja, das bin ich wohl, Sofie – und genau das liebst du ja so an mir, nicht wahr?« erwiderte die Lady ein wenig überheblich und strich dann mit ihren Fingerspitzen zärtlich über Sofies feuchte Lippen. Rhona liebte dieses Spiel, diese neckische Tändelei, welche den Anfang eines schönen Zeitvertreibs in ihrem eintönigen, gut behüteten Leben versprach.

♣♣♣♣♣

Abrupt schreckte Rhona auf, als die Kutsche unsanft über ein kleines Hindernis fuhr, einen Moment in der Luft schwebte und die Räder mit einem hölzernen Rumpeln wieder Kontakt zum Boden gewannen. Noch etwas verschlafen blinzelnd sah sie sich um. Sie war eingenickt. Und für einen Augenblick war ihr, als läge sie noch immer träumend neben Sofie. Eingehüllt in den betörenden Duft ihrer Leidenschaft und der Hitze ihrer beiden Körper. Aber dieser lieblichen Wärme waren beide längst entrissen.

   Was wohl jetzt aus Sofie werden wird?

Mit einem leisen Seufzen drückte Rhona sich tief in die weichen, rotsamtenen Sitze des Zweispänners. Benommen fuhr sie mit ihren Fingern die tiefen Kerben des eingeschnitzten Familienwappens im schwarz lackierten Holz nach: ein Gebirge mit einer Höhle und ein stilisierter Stern.

Die Erinnerungen an ihre Mutter, die entrüstet ihre Tochter und die Zofe nackt in einem Bett schlafend vorgefunden hatte, ihre wütenden Szenarien und das Schweigen ihres Vaters lagen noch schwer auf Rhonas Brust. Noch am selben Morgen war die kleine Reisekutsche mit den zwei schnellsten Pferden von Kilkenny Manor reisefertig bespannt worden. Sofie hatte genauso viel Zeit wie Rhona gehabt, ihr weniges Hab und Gut zu packen, bevor die Baroness sie voller Wut des kleinen Herrenhauses verwiesen hatte. Die Tränen der Zofe hatte Rhona nicht stillen dürfen. Und Sofies Flehen war auf taube Ohren gestoßen. Stumm und bewegungslos hatte Rhona mit ansehen müssen, wie Sofie, das Anwesen der McLeods hatte verlassen müssen. Ihre sonst so gerade Körperhaltung war gebeugt. Wie ein Häufchen Elend war Sofie durch das äußere Portal geschritten, dass das Anwesen nach außen hin abtrennte. Sofies letzter Blick hatte ihr allein gegolten. Der sonst so glänzende Blick, war von stummer Trauer getrübt gewesen. Die Erinnerung an diesen Anblick ließ Rhonas Herz schwerer werden.

   Aber was hätte ich denn schon tun können? Gegen meine Familie aufbegehren? Mit Sofie gehen? Was für eine Zukunft hätten wir denn schon gehabt?

Sie musste sich jetzt um ihre eigene Zukunft sorgen, und sich Gedanken machen, wie sie aus dem Dilemma wieder heraus kommen könnte. Sofie tat ihr von Herzen leid. Trotzdem konnte Rhona nicht bedauern, was in der Nacht zuvor passiert war. Nicht diese wundervolle Nacht, wohl aber die Weise, wie sie geendet hatte. Wenn sie doch nur ein wenig früher aufgewacht wären …

Stillschweigend hatte sich die ganze Familie am Haupttor vor dem Herrenhaus versammelt. Der Aufbruch folgte nur wenig später. »Irgendwann wirst du deine Mutter verstehen«, hatte ihr Vater ihr leise beim Abschiedskuss zugeflüstert. Wohin die Reise nun ging, lag für Rhona jedoch noch im Verborgenen.

Langsam und bedächtig fuhr die Kutsche durch die nächtliche Landschaft. Und mit jeder Meile mehr, mit der sie ihr Zuhause hinter sich ließen, wuchs die Unruhe zu einem kalten Knoten in ihrem Bauch heran. Es war alles so schnell gegangen und den tieferen Sinn ihrer Reise konnte sie nicht nachvollziehen. Warum konnte sie nicht in ihrem Zuhause bleiben? Sie fühlte sich hilflos im Netz der Unwissenheit. »Irgendwann«, flüsterte sie in die Stille hinein, sich an die Worte ihres Vaters erinnernd. Welche Bedeutung sie wohl hatten?

»Du trägst selber Schuld an dieser Situation.«

Die leise Stimme der Baroness unterbrach den eintönigen, dennoch beruhigenden Klang des Hufgetrappels.

Rhona musterte die adrett gekleidete Frau, die ihr gegenüber entgegen der Fahrtrichtung saß und sich ohne Aufzublicken emsig ihrer Stickarbeit widmete. Die kleinen Leuchtgläser warfen lange Schatten auf das grimmig verzogene Gesicht ihrer Mutter. Das glatte, lange, helle Haar war zu einer kunstvollen, jedoch strengen Frisur hochgesteckt; der rosige Teint der Baroness mit blassem Puder abgemildert, so wie es der aktuellen Mode des Adels entsprach. Und passend zu ihrem moosgrünen, seidenen Rüschenkleid mit goldfarbener Brokatborte trug ihre Mutter ein goldenes Kollier, reich bestückt mit kostbaren Jadesteinen, welches ihrer hellen Augenfarbe schmeichelte. Ihre Mutter war eine imposante Schönheit, doch zugleich kühl und unnahbar.

»Es hätte niemals soweit kommen dürfen. Aber so warst du ja schon immer. Du hast dich nie darum gekümmert, welche Schande du mit deinem Handeln über die Familie bringen könntest.«

»Verzeih, Mutter«, seufzte Rhona widerstandslos. Sie hatte es längst aufgegeben der Baroness von Kilkenny zu widersprechen.

»Du wirst noch alle Pläne durch dein eigensinniges Verhalten zunichte machen.« Wut spiegelte sich in der Stimme der Baroness wieder. »Während ich mich um deine abgesicherte Zukunft sorge, vergnügst du dich hinter unserem Rücken. So dankst du es mir. Wie sollen wir dem jungen Lord erklären, dass seine Zukünftige lieber ein Tête-à-Tête mit Dienstmädchen bevorzugt?«

»Ich will ihn ohnehin nicht heiraten«, erwiderte Rhona trotzig, »ich kenne ihn ja noch nicht einmal.« Doch kaum hatte sie ihre Gedanken laut ausgesprochen, spürte sie den stechenden Schmerz einer schallenden Ohrfeige auf ihrer linken Wange.

»Wegen deiner Unbesonnenheit wird dein Vater sein Gesicht verlieren.« Die eisblauen Augen ihrer Mutter funkelten erzürnt, während sie sich ihre rechte Hand rieb. Rhona strich sich über ihre Wange, die wie Feuer brannte. Trotzig versuchte sie die Tränen herunter zu schlucken, und dem Drang zu widerstehen, laut zu erklären, dass sie kein Stück Vieh wäre, das man an den bestbietenden Lord versteigern konnte. Es war letztendlich ihre Pflicht als Tochter aus aristokratischem Hause, in ausgewählte Kreise einzuheiraten und Erben zu gebären. Ihre Zukunft war unabwendbar.

»Im Frühjahr wirst du den Lord heiraten. Er ist ein ehrenwerter Mann, der über gute politische Verbindungen verfügt. Und du bist längst aus dem besten Heiratsalter heraus.«

Rhona schnappte empört nach Luft. Sie war doch erst dreiundzwanzig.

»Du kannst von Glück sprechen, dass ein so junger und hübscher Mann Interesse an dir hegt. In deinem Alter war ich bereits Mutter von zwei Kindern«, fuhr die Baroness unbeirrt fort. Und resolut, wie sie war, ließ sie keinen Widerspruch gelten. Sie war es gewohnt ihren Willen durchzusetzen.

Die Situation wurde Rhona immer unbehaglicher. Wenn sie doch nur flüchten könnte. Resigniert zog sie den Vorhang ein Stück weit zur Seite, um aus dem Fenster zu schauen. Zeitweise konnte sie kleine Lichter der Bauernhöfe und Gutshäuser in der Ferne erkennen. Und manchmal erklang leise der Ruf einer Eule, die sich in der Dämmerung auf der Jagd befand. Vielleicht noch eine halbe Stunde, dann würden sie ihre erste Unterkunft erreichen, um dort die Nacht zu verbringen. Aber davon ahnte Rhona nichts.

♣♣♣♣♣

Passend zu ihrer Stimmung kleidete sich der Himmel in bedrohlichen Tönen. Es war, als würde sich die schwache Mittagssonne hinter der dunklen Trauer verstecken, die Sofies Gemüt ergriffen hatte. Mit langsamen Schritten verließ sie das Anwesen der McLeods, in dem sie so viele Jahre gute Arbeit geleistet hatte. Dass es das Schicksal so schlecht mit ihr meinte, hätte sie sich nie vorstellen können. Mit Schimpf und Schande davon gejagt zu werden, wie eine unehrenhafte Diebin. Dabei hatte Sofie doch nichts Schlimmes getan – außer zu lieben. Und das auch nur im Geheimen, obwohl sie der ganzen Welt hätte verkünden wollen, wie es um ihre Gefühle bestellt war. Auch wenn sie es sich nicht ausgesucht hatte, sich ausgerechnet in ihre langjährige Freundin und Herrin zu verlieben.

   War es denn wirklich so falsch, was wir getan haben?, fragte sich Sofie voller Verzweiflung. Sie dachte an all ihre Versuche, Rhona aus dem Weg zu gehen, das vergebliche Bemühen, diesen einen, ersten Kuss ihrer Herrin zu vergessen. Wie viele Nächte hatte sie schlaflos dagelegen, getrieben von dem verbotenen Verlangen, verdammt von dem eigenen Gewissen. Irgendwann hatte sie es einfach nicht mehr ausgehalten. Sie hatte sich der geliebten Freundin hingegeben. Die Erinnerung an diese erste und so wundervolle Nacht ließen Sofies Augen feucht werden.

Rhona … Rhona… wie konnte das Ganze nur so enden?

Die Tränen liefen ihr jetzt ungehemmt über das Gesicht, während sie sich mit mühsamen Schritten weiter quälte … weiter … einfach nur immer weiter. Nein, im Grunde ihres Herzens hatte sie immer gewusst, dass ihre Beziehung zum Scheitern verdammt war. In den Augen des Adels war solch eine Liebe, falls sie das Wort Liebe in diesem Zusammenhang je aussprechen würden, nicht mehr als eine Farce. Kein Adeliger, der auch nur etwas auf sich hielt, würde offen zugeben, etwas für das Dienstpersonal zu empfinden. Geschweige denn, es zu lieben. Das wäre genauso verpönt, als wenn man ein edles Rassepferd mit einem dahergelaufenen Gaul kreuzen würde. Daraus könnte nichts Gutes entstehen. Und Sofie hatte die Aristokratie lange genug beobachten können, um diese These zu bestätigen. Sie war eben nur jenes bedeutungslose Arbeitspferd gewesen. Und wenn die Baroness ihre Drohung wahr machte, dann würde sie keine Möglichkeit mehr haben, in einem guten Haus eine Anstellung zu finden. Das würde ihren sicheren Tod bedeuten. Von den Münzen, die sie erwirtschaftet hatte, könnte sie vielleicht drei Monate überleben. Aber was würde danach kommen, wenn sie keine Anstellung finden würde? Und sie wusste, die stolze Lady machte keine leeren Versprechungen. Die Empörung und Verachtung ihr gegenüber hatte Sofie sofort gespürt, als die Baroness sie in dieser prekären Situation erwischt hatte. Ihr Schicksal war besiegelt. Endgültig.

Noch immer stand Sofie unter Schock und sie konnte die Tragödie, die sich in den letzten Stunden abgespielt hatte, gar nicht wirklich fassen. Beinahe kam es ihr wie ein schlechter Traum vor, aus dem sie bald zu erwachen hoffte. Doch mit jeder Sekunde, die verstrich, zeigte die Wirklichkeit ihr gnadenloses Gesicht.

   Was soll ich jetzt nur tun? Wohin soll ich denn jetzt gehen?

Ratlos blieb sie am Tor des hiesigen Anwesens stehen, als die dunkle Kutsche von Kilkenny Manor mit schnellem Tempo an ihr vorbei fuhr. Sofie zuckte ängstlich zusammen und klammerte sich erschrocken an ihre kleine Tasche, die sie eng an ihre Brust presste. Sie sah wie der Kutscher, Nolann, bedauernd den Kopf schüttelte. Und Rhonas Blick, der für einen Augenblick traurig auf ihr ruhte. Dann waren sie fort.

Aus ihrem Leben gestrichen; ausradiert, wie ein falsch geschriebenes Wort auf einem Blatt Papier. Einfach nicht mehr existent. Wäre sie doch nur nicht über Nacht geblieben. Hätte sie doch einfach auf ihr Gefühl gehört. Wäre sie einfach nur aufgestanden und gegangen, trotz Rhonas eindringlichen Bitten. Dann wäre ihre heile Welt noch intakt. Dann wäre die junge Lady noch immer an ihrer Seite. Wenn auch nur in Heimlichkeit. Dann hätte sie noch eine Arbeit und ein Dach über dem Kopf. Eine Sicherheit in ihrem Leben. Alles kam ihr so unwirklich vor. Selbst der Staub, den die schweren Kutschenräder aufwirbelten, legte sich schon wieder. Als wäre die Kutsche nie hier lang gefahren.

Doch die Spuren auf dem Weg spotteten still und leise über Sofies Gedanken. Als würden sie höhnisch flüstern:

   Sieh genau hin. Das sind die Spuren, die deine Liebste fort von dir führen. Das ist die Wirklichkeit. Und daran wirst du auch nichts ändern können!

Sofie ließ ihre Schultern sinken und schluckte die Tränen hinunter. Seufzend wischte sie sich den feinen Staub, den die Kutsche aufgewirbelt hatte, aus dem Gesicht und setzte einen Fuß vor den anderen. So ging sie die staubige Straße entlang, die für sie ins Nirgendwo führte. Zu ihrem Unglück fing es auch noch an, in Strömen zu regnen.

♣♣♣♣♣

Seit zwei Tagen waren sie nun schon unterwegs. Gelangweilt starrte Rhona aus dem großen Seitenfenster, aber die Szenerie vor ihrem Auge veränderte sich nur selten. Tagsüber ewig nur die monotone, grüne Hügellandschaft, durchschnitten von braunen, abgeernteten Feldern oder kleinen Wäldchen, und den vielen weißen Punkten, die gemächlich die letzten Halme abgrasten und vor sich hin blökten. Die einzige kurze Abwechslung zwischen all den Grün-, Braun- und Grautönen war der Barrow River gewesen, der Grenzfluss der Grafschaft Kilkenny, und den hatten sie schon vor Stunden überschritten. Als der späte Nachmittag langsam dahindämmerte, fing die Baroness wieder an ihren Unmut zu äußern. Resigniert legte sie ihr Stickzeug in den Korb und musterte Rhonas gesamte Erscheinung. »Du benimmst dich nicht, wie es deinem Geschlecht und Stand gebührt. Schau dich an! Selbst jetzt trägst du lieber Rhyans Uniform, anstelle eines schönen Kleides. Und erst deine Haare, Mädchen. Man könnte meinen, ich hätte zwei Söhne geboren.« Während der letzten Worte hatte ihre Stimme einen verächtlichen Ton angenommen. Rhona biss sich auf ihre Unterlippe, doch nicht vor Verlegenheit, sondern damit keine falsche Äußerung ihre Lippen verließ. Zu oft schon war sie in diese Falle getappt, aus der es kein Entrinnen mehr gab. Also lieber nichts sagen, sondern schweigen zum Wohle ihres Seelenheils. Warum konnte ihre Mutter einfach nicht verstehen, dass sie sich in den leichten Beinkleidern und Hemden wohler fühlte, als in engen, gerafften Seidenkleidern. Zärtlich strich sie über den dunkelblauen feinen Baumwollstoff ihres Gehrockes und spürte die erhabene Musterung der Silberborten. Sie liebte dieses Gewand, das sie erst letzten Monat von ihrem Bruder bekommen hatte.

Rhona seufzte leise auf und streckte vorsichtig ihre verspannten Muskeln. Ihre Glieder kribbelten nervös und der Rücken schmerzte schon seit Stunden von der holprigen Kutschfahrt. Außerdem war sie es nicht gewohnt, solange am Stück ruhig sitzen zu müssen. Ihr schlanker Körper schrie innerlich nach Bewegung. Wenn sie doch nur etwas tun könnte. Am liebsten würde Rhona auf den Kutschbock zu Nolann klettern, um den Anklagen ihrer Mutter zu entgehen und sich wieder fühlen zu können. Aufwachen aus dieser anhaltenden Starre. Regen, Wind, Dunkelheit, alles wäre ihr lieber, als immer wieder denselben monotonen Vorwürfen ihrer Mutter ausgeliefert zu sein. Sie sehnte sich nach Freiheit und Stille.

Der junge Kutscher war schon immer angenehm schweigsam gewesen, und doch hatte er für jeden ein freundliches Lächeln übrig. Außerdem hatte er ein wunderbares Gespür für die Pferde ihres Gestüts. Sie vertrauten ihm blindlings und folgten ihm auf Schritt und Tritt. Rhona mochte ihn. Er würde ihr erlauben, die Zügel der Kutsche selbst zu übernehmen. Aber sie war hier gefangen. Und die Baroness fuhr fort, ihrem Unmut laut Platz zu machen, als Rhona bemerkte, dass die Kutsche langsam an Tempo verlor, während sie in ein kleines Waldstück hinein fuhren. Neugierig lugte sie durch das Seitenfenster und erspähte in direkter Nähe drei schmutzige und ärmlich gekleidete Männer. Der Jüngste schwenkte eine flammende Fackel in der Hand.

»Macht den Weg frei! Aus dem Weg!«, hörte Rhona Nolann laut schreien, doch die Gestalten blieben unbeirrt mitten auf dem Weg stehen. Sie wusste, dass er gezwungen war zu halten, wenn er die Männer nicht überfahren wollte. Mit Müh’ und Not kam die Kutsche mit einem Ruck zum Stehen, so dass Rhona fast vom Sitz auf ihre Mutter gefallen wäre, wenn sie sich nicht rechtzeitig festgehalten hätte. Angespannt erhob sich Rhona von ihrem Sitz und kniete sich neben ihre Mutter auf die weiche Bank. Besorgt schob sie die dunklen Vorhänge des winzigen Frontfensters zur Seite. Diese Aussparung glich eher einer kleinen Luke, die der Kommunikation mit dem Kutscher dienen sollte, als einem wirklichen Fenster. Daher hatte Rhona keine optimale Sicht auf das Geschehen. Aber das, was sie sah, reichte vollkommen aus, um sich einen groben Überblick zu verschaffen: Durch Nolanns Knie hindurch konnte Rhona entdecken, dass die zwei älteren Männer mit behäbigen Schritten auf die Kutsche zuschlenderten und mit einem verächtlichen Grinsen Dolche aus den ledernen Unterarmschonern ihrer weiten Leinenhemden zogen. Ihre Kleidung war dürftig geflickt und wies unzählige Risse in den fleckigen Stoffen auf. Das laute Fluchen des Kutschers war bis in die Kabine zu hören, und Rhona wünschte sich insgeheim, dass Nolann doch skrupellos weitergefahren wäre.

»Ihr müsst Wegezoll begleichen, wenn ihr weiterfahren wollt. Habt ihr das etwa nicht gewusst?«

Mit zusammengekniffenen Augen konnte Rhona erkennen, dass einer der Männer Nolann grinsend einen zerschlissenen Sack zuwarf, während der Jüngling die vorderen Zügel der Pferde übernahm und die Kutsche somit an der Weiterfahrt hinderte.

»Wenn der Sack voll ist, werden wir euch nicht weiter aufhalten und ihr könnt euren Weg fortsetzen.«

»Was zum …?«, aufgebracht erhob sich die Baroness und war kurz davor hinaus ins Freie zu stürmen, als Rhona sie bestimmt in die Sitze zurückschob. Sie sah ihrer Mutter eindringlich in die Augen und hob ihren Zeigefinger vor ihre Lippen. Kein Ton!

»Wegelagerer«, wisperte Rhona. Die Baroness nickte erschrocken. Als Rhona sich wieder der Luke zu wand, bemerkte sie, wie Nolann vorsichtig unter den Sitz nach seiner langen Peitsche und einem Dolch griff. Der Älteste von den Dreien machte einen Schritt auf den Kutschbock zu und bleckte seine ungepflegten Zähne. Er schien der Anführer der Bande zu sein. Doch Nolann ließ sich nicht davon beirren. Beherzt klammerte er sich an seine Waffen und richtete sich imposant auf, was Rhona stark beeindruckte. Aber gleichzeitig wurde ihr klar, dass er sie niemals allein beschützen könnte. Es war töricht gewesen, ohne weiteren Schutz aufzubrechen. Ängstlich starrte Rhona weiter gebannt durch die Luke – der einzigen Möglichkeit dem Geschehen zu folgen, ohne planlos eine Angriffsfläche zu bieten.

»Heyho Kutscher, mach keinen Unsinn. Wir wollen nur etwas Gold, Geschmeide oder andere Kostbarkeiten, die ihr bei euch tragt. Sieh es als Almosen. Die Herrschaften haben doch mehr als genug für alle!« Mit geheuchelter Beschwichtigungsabsicht trat er noch näher an Nolann heran und war kaum mehr ein Schritt von der Kutsche entfernt, während der Jüngste, der die Pferde hielt, sich keinen Fußbreit fortbewegte. Der Dritte näherte sich derweilen gemütlich schlendernd der Kabinentür.

Rhona sprang von der Bank zurück auf den Boden, entledigte sich schnell ihres Gehrockes, strich noch einmal über den feinen Stoff und legte ihn auf die Sitzgarnitur. Dann kniete sie sich zur Verwunderung ihrer Mutter auf den Boden nieder. Sie bemerkte, wie laut ihr Herz mit einem Mal zu klopfen begann. Vorsichtig tastete ihre feingliedrige Hand unter den Sitz und zog den Degen ihres Bruders hervor. Sie war dankbar für die Waffe. Er hatte den Degen heimlich versteckt und es ihr bei der Verabschiedung zugeflüstert. Doch würde sie gegen die Männer bestehen können? Die beiden Älteren schienen in etwa im Alter ihres Vaters zu sein. Doch der Jüngste hatte seinen sechzehnten Jahrestag wahrscheinlich noch nicht erlebt. Er galt hier zu Lande noch nicht einmal als ein Mann. Er war nichts weiter als ein Jüngling, der sich erst behaupten musste. War das seine Prüfung?

Rhona leckte sich nervös über ihre Lippen und schluckte das mulmige Gefühl herunter, das sich stetig in ihrem Körper ausbreitete. Sie bedeutete ihrer Mutter sich nicht zu rühren, und stieß gerade in dem Augenblick mit voller Kraft die Kabinentür auf, als der Fremde nach dem Türknauf greifen wollte. Mit einem ärgerlichen Aufschrei fiel der Angreifer nach hinten, kam jedoch schnell wieder auf die Beine und taxierte Rhona mit einem gehässigen Grinsen, als diese aus der Kutsche sprang.

»Na, junge Lady, bringt Ihr schon freiwillig den Obolus zur Weiterfahrt?« Er umkreiste Rhona vorsichtig und fuchtelte nervös mit der Klinge seines Dolches.

»Verschwindet, wenn euch euer Leben lieb ist! Sofort!« Rhonas Stimme klang jetzt leise, hatte jedoch einen bedrohlichen Unterton. Jetzt endlich kam die Stunde, in der sich ihr heimlicher Fechtunterricht bezahlt machen würde. Die Furcht war der Wut gewichen und Adrenalin strömte durch ihren Körper. Rhona sammelte all ihre innere Kraft, begab sich in Kampfposition, sicherte ihre Deckung und wartete auf den Moment, in dem ihr Gegenüber angreifen würde. Und sie musste nicht lange warten.

»Ach, M’Lady möchte spielen?«

Seine Stimme klang siegessicher, doch seine Augen sprachen Bände. Er zog ein zweites Messer aus seinem Unterarmschutz und ging zum Angriff über. Doch Rhona konnte jede Attacke geschickt abblocken.

»In unseren Kreisen bekommen aufsässige junge Damen eine gescheite Tracht Prügel, damit sie sich zu benehmen wissen.«

Er zog laut die Nase hoch und spuckte ihr vor die Füße.

»Zum Glück bin ich nicht in deinen Kreisen geboren. Und es ist nicht mein Benehmen, dass hier zu wünschen übrig lässt«, konterte Rhona selbstsicher, während sie weiterhin die Bewegungen des Gegenübers abschätzte. Mit ihrem langen Degen konnte sie den Angreifer auf Distanz halten. Sie musste nur warten, bis der schmierige Kerl einen Fehler machte. Und den würde er machen – früher oder später, da war sie sich sicher. Rhona genoss das Gefühl der Überlegenheit.

»Bin der M’Lady wohl nicht fein genug, hmm? Dann wollen wir sie mal von ihrem hohen Ross herunter holen.«

»Willst du weiterhin Reden schwingen oder endlich kämpfen? Oder ist deine dreiste Zunge die einzige Stärke, die du hast?« Rhona provozierte ihn mit Absicht, in der Hoffnung ihn zu einem falschen Schritt zu verleiten. Doch ihre Taktik schien nicht aufzugehen. Er blieb weiterhin ruhig. Fast schien es, als würde er den Kampf genießen. Nur sein schneller Atem verriet, dass er Kraft benötigte, um Rhonas Schnelligkeit auszugleichen. Plötzlich ertönte ein tiefer Schrei. Überrascht fuhr Rhona herum und sah Nolann stürzen. Sie starrte in seine schmerzverzerrten Augen, bevor er sie schloss, auf dem Boden aufschlug und reglos liegen blieb. Ein Dolch ragte triumphierend glitzernd aus seiner Schulter. In diesem Augenblick spürte sie einen kurzen Stich in ihrem linken Oberarm. Und in Sekundenschnelle folgte der brennende Schmerz. Der Fehler, auf den sie gehofft hatte, war nun der Ihre geworden.

   Unterschätze keinen deiner Gegner!

Die mahnende Stimme ihres Bruders hallte durch ihren Kopf.

Halte deinen Gegner stets auf Distanz! Versuche seine nächsten Schritte vorauszuahnen. Und kämpf’ nie mit Wut, sie blendet dich!

Jedes Mal, wenn Rhyan Rhona mit dem Holzschwert getroffen hatte, konnte sie sein helles, freundliches Lachen hören. Unzählige blaue Flecke hatte sie von den geheimen Übungskämpfen davon getragen. Aber das hier war kein Spiel.

Mit kalter Berechnung stürzte sie sich auf den Angreifer. Sie griff mit Stoßattacken an, drehte sich geschickt aus der geraden Angriffslinie heraus und ließ den grobschlächtigen Kerl direkt in ihren Degen laufen. Mit einem Ruck zog sie ihre Waffe aus seiner Brust und sah, wie er röchelnd zu Boden stürzte. Im nächsten Augenblick wandte sich Rhona ihrer Mutter zu, um die vor Schock bleiche Baroness in Sicherheit wissen zu können. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, eilte sie die wenigen Meter zu Nolann, und kniete sich neben ihn. Zitternd legte sie ihre Hand auf seine Brust. Mit Erleichterung spürte sie, wie diese sich hob und senkte, wenn auch in einem unnatürlich schnellem Rhythmus. Der Jüngste der Bande ließ derweilen die Zügel der Pferde los, zog sein Messer aus der Hüftschlaufe und rannte ihr wutentbrannt entgegen.

»Für Vater!«, hörte Rhona ihn schreien. Die noch kindliche Stimme brach sich in seiner Raserei. Doch dieser Kampf währte kürzer als ein Atemzug. Rhona täuschte eine Attacke von rechts an und wich dann nach links aus. Der Angriff des jungen Mannes ging ins Leere. Er stolperte ungelenk und kassierte einen Tritt in seine Rippen. Erschrocken rappelte er sich auf und flüchtete mit weit aufgerissenen Augen. Er war kein Kämpfer. Anstatt ihn zu verfolgen und der gerechten Bestrafung auszusetzen, ließ Rhona ihn laufen.

Das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse verzogen hielt sie sich ihren linken Arm. Warmes Blut sickerte langsam durch den zerschnittenen Stoff ihres Hemdes, als sie das Wimmern ihrer Mutter vernahm. Erschrocken erinnerte sie sich an den dritten Mann. Offensichtlich war dieser inzwischen zu ihrer Mutter in die Kutsche eingedrungen. Auf leisen Sohlen schlich sie Richtung Kabinentür, wo sie den Räuber im Blick hätte. Als seine raue Stimme ertönte, hielt Rhona einen Moment inne und erstarrte in ihrer Bewegung. »Während Ihr von reichgefüllten Tellern esst, müssen wir ums nackte Überleben kämpfen. Tagein, tagaus derselbe Kampf, der uns dahinrafft wie vergiftete Ratten. Und Ihr heult um diesen Klunker, mit dem ich das Überleben meiner Familie für mindestens sechs Monate sichern kann. Ist das Gerechtigkeit?«

Rhona konnte ihre Mutter benommen aufstöhnen hören. Zu keiner Handlung fähig saß sie eingekeilt zwischen ihrem Sitz und dem Eindringling. Die Tränen liefen ihr über die glühende, anschwellende Wange, während der Kerl die kleine Kutsche nach weiteren Schätzen durchsuchte. Ohne ein einziges Geräusch zu machen, zog Rhona ihren Degen und legte den schmalen, kalten Stahl von hinten an seine Halsschlagader. »Raus …« Ihre Stimme war nur ein Flüstern, doch eisig wie der Winterwind. Mit der Waffe an der Kehle ließ der Störenfried seine reiche Beute fallen und ergab sich sofort. Rhona warf einen schnellen Blick auf ihre Mutter, die ein Stoßgebet für ihre Rettung gen Himmel sandte und deren Leib wie Espenlaub zitterte.

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Ohne den Mann auch nur für einen Moment aus den Augen zu lassen, führte Rhona ihn wenige Schritte von der Kutsche fort, in den toten Winkel hinein, den ihre Mutter nicht mehr einsehen konnte. Angewidert betrachtete sie seine Rückenpartie, seine kräftigen Oberarme und behielt seine Hände im Blick. Trotz seiner prekären Lage, drehte sich der Kerl blitzschnell herum, griff gekonnt nach seiner Waffe und stob auf Rhona zu. Doch diese reagierte geistesgegenwärtig, glitt in seine Bewegung hinein und versenkte die Spitze ihres Stiefels in den Weichteilen des Angreifers. Schnaufend und mit schmerzverzerrtem Gesicht ließ sie ihn am Boden liegen. Rhona wollte ihn nicht töten. Wenn er ruhig liegen bleiben würde, bekäme er seine Chance weiter zu leben. Sie war des Kämpfens und des Blutvergießens müde. Doch in dem Moment, als sich Rhona umdrehen wollte, packte der Kerl sie mit festem Griff an ihren Waden und zog, sodass sie rücklings zu Boden fiel, sich aber instinktiv nach hinten abrollen konnte. Wie eine lauernde Katze vor dem Sprung kniete sie nun vor ihm, die Hände im Dreck, von Angesicht zu Angesicht. Ihre im Schreck fallen gelassene Waffe befand sich nur wenige Zentimeter vor ihr am Boden. Bedächtig hielt Rhona kurz ihren Atem an, während die Anspannung weiter durch ihren Körper pulsierte. Wie in Zeitlupe sah sie den Arm des Angreifers auf sich zu kommen. Kontrolliert schnaubte Rhona die Luft wieder aus. Mit einer blitzschnellen Bewegung ergriff sie den vor ihr liegenden Degen und beschrieb einen weiten Bogen. Der scharfe Stahl durchschnitt mit einem Zug die Kehle des Mannes. Mit weit aufgerissenem Mund griff er sich an den Hals und kippte röchelnd nach hinten. Seine muskulösen Glieder zuckten noch kurz, während seine Augen schon den Glanz verloren und dann stumm gen Himmel starrten. Zeitgleich erklang ein unterdrückter Aufschrei aus ihrer eigenen Kehle, der ihr fern in den Ohren widerhallte.

Mit einer fahrigen Handbewegung wischte sich Rhona die Blutspritzer aus dem Gesicht und bekämpfte das aufsteigende Schwindelgefühl in ihr. Wie im Delirium setzte sie einen Schritt nach dem anderen und ging abwesend zur Kutsche zurück. Ein kurzer Blick in die offene Kabine ließ sie erkennen, dass ihre Mutter ausgestiegen sein musste. Rhona fand sie schließlich einige Meter neben der Kutsche bei Nolann kniend und zitternd seine Hand haltend. Gemeinsam hievten sie schweigend den bewusstlosen Kutscher auf die weiche Bank. Gequält stöhnte Nolann auf.

»Und? Ist es noch immer dein Wunsch, ich würde ein Kleid tragen – Mutter?« Rhonas Stimme klang erschöpft und traurig. Beide sahen sich eine kurze Zeit lang in die Augen, in denen sich der Schock spiegelte. Die Baroness schluchzte auf, aber kein Wort kam über ihre bebenden Lippen. Ihre sonst so stolze und majestätische Körperhaltung war dahin. Gebeugt und in sich zusammengefallen stieg sie die zwei Stufen zur Kabine hoch und setzte sich dann auf ihren Platz. Entsetzt lehnte sie sich vor und nahm das am Boden liegende, kaputte Kollier in ihre Hände. Rhona beobachtete die Baroness für einen kurzen Augenblick und schluckte schwer. Ihre Mutter schien in wenigen Augenblicken um Jahre gealtert zu sein. Doch nach all dem Schrecken der letzten Stunden, der Wut in ihrem Bauch und den ungerechten Vorwürfen kam es ihr so vor, als wäre eine eiserne Mauer um ihr Herz gebaut worden, welche sämtliche Gefühle abzublocken schien.

Leise schloss Rhona die Tür, ging zu den beiden Pferden und kraulte zärtlich die warmen Nüstern, bevor sie auf den Kutschbock kletterte. Mit einem letzten Blick zurück versicherte sie sich, dass niemand mehr heimtückisch von hinten angreifen konnte. Die Toten ließ sie einfach am Boden liegen. Die Krähen würden sich schon um die starren Leiber sorgen. Rasch setzte sie die Kutsche in Bewegung, darauf bedacht die Fahrt nicht allzu unangenehm für den verletzten Nolann und ihre bestürzte Mutter zu gestalten.

Der kleine Wald und die Bäume verschwanden aus ihrem Blickfeld und wichen Feldern, die schwer nach nasser Erde rochen. Doch dafür hatte Rhona keinen Sinn mehr. Denn immer wieder zogen die Bilder der sterbenden Männer vor ihrem inneren Auge vorbei, bildeten eine grausame Endlosschleife in ihren Erinnerungen. Bis heute hatte sie nie jemanden ernsthaft verletzt, geschweige denn getötet. Alle Kämpfe, die sie mit ihrem Bruder ausgetragen hatte, waren letztendlich nur spielerischer Natur gewesen.

Rhona schüttelte ihren Kopf, um ihre Gedanken zu verdrängen und schnaufte erleichtert durch. Sie war froh, den Angriff überlebt zu haben. Unbewusst trieb sie die Pferde zu Höchstleistungen an, auch wenn sie nicht genau wusste, wohin der Weg sie führen würde. Sie hatte nur mehr einen Wunsch: Den Ort des Schreckens so schnell wie möglich hinter sich zu lassen.

Die Schmerzen in ihrem Arm und die Kälte der rauen Herbstnacht spürte sie kaum. Die Aufregung ließ sie jede Unannehmlichkeit vergessen und schärfte ihre Sinne. Aufmerksam hielt sie nach ungewöhnlichen Regsamkeiten in der Dunkelheit Ausschau, um nicht noch einmal in einen Hinterhalt zu geraten. Doch die nächtliche Umgebung zog fliehend und ohne weitere Vorkommnisse an ihr vorbei. Auch den feinen gewohnten Regen, der sich nun langsam, doch stetig vom Firmament auf die schweigende Erde ergoss, nahm Rhona mit einer kalten Gleichgültigkeit hin. Es schien, als wolle der Himmel selbst, das Blut von ihrer Kleidung waschen. Und als der Morgen endlich zu dämmern begann, erkannte Rhona die wehenden Flaggen des Anwesens der Countess O’Callahan nahe der Stadt Wexford: Sie zeigten ein steigendes, weißes Pferd auf moosgrünem Untergrund. Erschöpft und kraftlos sank sie am Kutschbock zusammen.