Nouriel, der Weltenwanderer

Kurzgeschichte // © 2013 //

Tölpel, Träumer, armer Tropf
Rote Haare, wirr im Kopf
Er, des Wahnsinns liebstes Kind
Der sein Leben lang nur spinnt …

Wirf’ ein Stein mit voller Kraft
Dass der Spinner nicht mehr gafft
Fliehe, flüchte, dummer Narr
Zurück zu deiner Höllenschar…

Mit wildschlagendem Herzen und einem entsetzlichen Rauschen in den Ohren schreckte der Junge aus seinem Schlaf empor und musterte ängstlich seine Umgebung. Seine traurigen Augen durchforsteten jeden Winkel in dem Raum, der durch ein kleines Nachtlicht diffus erhellt wurde. Doch niemand war zu sehen. Er war alleine. Und obwohl die höhnisch gesungene Melodie des Kinderreimes noch immer in seinem Kopf widerhallte, begann er sich mit langsamen Ein- und Ausatmen zu beruhigen. Das hatte ihm die freundliche, junge Ärztin gezeigt, die ihn immer wieder mal besuchte.
Mit einem Kloß im Hals wischte er sich den kalten Schweiß von der Stirn, zeitgleich auch die Erinnerung an früher beiseite und befühlte dann seine rechte Schläfe, die nach solchen Träumen immer böse schmerzte. Genaugenommen schmerzte die Stelle fast jede Nacht. Denn dieser Traum kehrte immer wieder und verfolgte ihn auf Schritt und Tritt.
Der Stein hatte ihn mit voller Wucht an der rechten Schläfe getroffen. Geworfen von Kinderhänden. Jenen Kindern, die ihm eigentlich gute Kameraden sein sollten. Aber sie hatten ihn nie verstanden. Warum, wusste der Junge bis heute nicht. Er hatte versucht, mit ihnen Freundschaft zu schließen, ihnen seine Welt und Gaben zu zeigen, aber immer wieder hatte er sich an den spitzen Dornen der Verachtung gestochen. Bis dass das Gift der Ablehnung ihn zermürbt hatte. Und er alles aufgeben wollte. Denn er hatte gespürt, dass er vollkommen anders war. Und dass er einfach keinen Platz in dieser Welt hatte.
Und dann war er ganz plötzlich hierher gekommen. Zu einem Ort, dass von nun an sein neues Zuhause sein sollte. Zu einem Ort, dass ihm Sicherheit versprach. Mit kleinen bunten Pillen, die ihn zurück in die Wirklichkeit holen sollten. In jene Wirklichkeit, die man ihn als Wahrheit verkaufen wollte. Die Wahrheit, die für ihn nichts weiter als eine dunkelgraue Lüge war. Einer Lüge, aus der er nur flüchten konnte, wenn er nicht diese bunten, kleinen Pillen schluckte, die einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge hinterließen. Nur so konnte er dem Raum- und Zeitgebilde entfliehen, in dem jeder Mensch hohl war. Denn nur ein willenloser Mensch ließe sich in dieser konsumgesteuerten Gesellschaft einfügen. Manipuliert von Führern, welche sich Politik und Menschenfreunde nannten. Welche sich der Lüge bedienten, um zu kontrollieren und zu beherrschen.
Mit einem sanften Lächeln zählte er in seinen Erinnerungen nach. Es waren bereits acht Tage vergangen, seit er die Letzte seiner Tabletten geschluckt hatte. Acht Tage, die bedeuteten, dass er schon bald zurückkehren könne. Zurück an den Ort voller Unschuld und lichtener Idylle. Dorthin, wo er sich selber endlich wieder begegnen konnte; als der Junge, der er in Wirklichkeit war:
Nouriel, der Weltenwanderer.

Nouriel ließ sich auf die harte Matratze seines Bettes zurückfallen und lauschte dann dem nächtlichen Regen, der kontinuierlich an die vergitterte Fensterscheibe klopfte. Der sanfte Klang öffnete ein kleines Tor in ihm, das er lange nicht mehr gesehen hatte und ihn aus der vorgegaukelten Wirklichkeit in diesem Sanatorium führen würde. Er schloss seine Augen, nahm noch einmal einen langen Atemzug und blickte dann in die verschmitzten Gesichter der Regenmänner, die lustig vor dem Tor umherhüpften und einladend mit ihren winzigen Händen winkten.
Mit schnellen Schritten eilte der freudig-erregte Junge auf dieses Tor zu, spürte den warmen Griff in seiner Hand und übertrat dann die unsichtbare Grenze, die ihn in ein neues Reich führte. Ein Gefilde, das er als sein vollkommenes Zuhause wieder erkannte: Er befand sich inmitten von Faënoor, einem dicht bewachsenen Dschungel aus phantastisch aussehenden Pflanzen, die bis zum Nachthimmel reichten, der in der dunkelroten Farbe eines glänzenden Rubins leuchtete. Er lehnte sich an einem der dicken Baumstämme, für die er mindestens zwölf Armlängen benötigte, um diese zu umschließen, und ließ seinen Blick weit schweifen. Die Bäume wurzelten in feinsten Sand, dessen Dünen in verschiedenen Farben sanft vor sich hin glimmten. Und die seichten Töne der Sternwandler, den nachtaktiven Faunwesen von Faënoors, drangen an sein Ohr.
Nouriel kam sich in dem pitoresken Gebilde sehr winzing vor, aber er fühlte sich auch geborgen und geschützt. Glücklich nahm er einen tiefen Luftzug und sog die Frische des tanzenden Sommerregens in sich auf. Endlich konnte er wieder frei atmen, während die Regentropfen, auch Teanir oder die Himmelstränen genannt, freudig sein Erscheinen bekundeten. Dann ließ er sich auf seine Knie sinken, vergrub seine Hände in dem warmen Sandboden und konnte das pulsierende Leben in den einzelnen Körnern spüren, die die Farbe des Abendwindes in sich trugen.
Frei in Geist und Seele, fühlte der Junge, wie ein magisches Wort tief aus seinem Unterbewusstsein an die Oberfläche drang. Und kaum war der Name flüsternd über seine Lippen gerollt, schmeckte er schon die süße Hitze seines langjährigen Freundes. Mit einem lauten Lachen stieß er sich vom Boden ab und fiel dem Wesen um den Hals.
„Pheloar, mein bester Pheloar“, murmelte Nouriel in das flammende Fell des Luvus’, einem Wolf mit langen Schwingen und einem scharfen Rabenschnabel anstelle des Mauls, dessen Körper ganz und gar aus Feuer bestand, das mal hochloderte und dann wieder nur sanfte Funken versprühte. Je nach Gefühlslage des Feuertiers.
„Du warst lange nicht in Phanthera“, raunte die dunkle Stimme leise. „Komm, sitz auf.“
Das ließ sich der Junge nicht zweimal sagen und sprang auf den Rücken des Feuertiers. Mit einem wilden Gejaule nahm Pheloar Anlauf, breitete seine Schwingen aus und stieß sich dann mit seinen Hinterpfoten vom Boden ab. Keine zwei Atemzüge später befanden sie sich über dem bunten Blätter- und Blütendach Faënoors, welcher in seiner uneingeschränkten Schönheit vor sich hin strahlte, pfeilgerade auf den Weg gen Horizont. Sie verließen den Farbenwald und flogen zur angrenzenden Silberwüste Cryravine, der ewig lichtenen Bergschlucht, in der kleine fuchsartige Kobolde die funkelnden Kristalle anbauten, die die ganze Klamm erstrahlen ließen. Nouriel winkte den Vulcaneo zu und verschwand dann mit Pheloar in der Wolkendecke, der dann abdrehte und die Route zurück nach Faënoor einschlug.
„Morgen wollen wir nach Mirasund“, freute sich Nouriel und klatschte in seine Hände. Seine Sehnsucht nach dem Land der fallenden Wasser war ungeahnt groß geworden. Er vermisste die lebenslustige Art der Kelpies, den freundlichen Seepferdchen, deren vorderer Körper eines Pferdes glich und der Hinterleib zu einer eingerollten Flosse verwachsen war.
„Und auch nach …“, doch der Junge wurde von der leise raunenden Stimme des Feuerwesen unterbrochen: „Es wird Zeit“, und Nouriel nickte mit einem leidigwissendem Lächeln. Die Zeit in seiner eigenen Welt schien immer wie im Fluge zu vergehen. Doch Nouriel wusste, dass er den Rückweg in seine Heimat gefunden hatte. Endlich. Wieder.
Mit sanften Flügelaufschlag landeten beide auf festem Boden und Nouriel betrachtete neugierig seinen Freund, der mit seinem funkenschlagenden Schnabel an seinem Federkleid herumnestelte. Schließlich rupfte dieser sich eine glühende Rabenfeder aus seinem Brustgefieder und drückte diese Nouriel in die Hand.
„Lass nicht wieder solange auf dich warten“, mahnte er noch leise mit einem Augenzwinkern.
Doch ehe Nouriel etwas erwidern konnte, befand er sich wieder in seinem Bett, in dem kleinen, sterilen Raum inmitten des Sanatoriums, in dem langsam aber stetig die Morgendämmerung durch die vergitterte Fensterscheibe drang…

1. Platz beim Schreibwettbewerb auf deviantart.com

Vorraussetzungen:
1. Typ: Kurzgeschichte
2. Maximal 1000 Wörter (entspricht ca. 2 Word-Seiten)
3. Es müssen folgende Worte in der Geschichte vorkommen (Reihenfolge egal):
Rabenfeder | Dornen | Regen | Rubin | Unschuld