Obsession

Kurzgeschichte // © 2013 //

Sie liebte die Dunkelheit. Das stete Schwarz, das sie umgab, sie von außen wie innen umhüllte.
Dunkelheit, die ihr Schutz bot und Raum, ihre Fantasien auszuleben. Selbst das Loft, in dem sie sich befand, schwelte in einem Dunkellicht. Nur wenige Kerzen flackerten um sie herum und malten bizarre Schatten an die kargen Wände.

Verträumt saß sie auf einem barocken Lehnsessel. Ihre Beine hatte sie leger auf einen Hocker gelegt, während ihre rechte Hand lasziv mit dem Rubin in ihrem Dekolleté spielte. Sie spürte, wie ihre Erregung langsam wuchs und biss sich mit einem unterdrückten Stöhnen auf ihre Lippen. Mit zittrigen Fingern ließ sie dann von dem Edelstein ab und folgte der unsichtbaren Linie von ihren Brüsten zu ihren Schoß hinab. Und für einen Augenblick gab sie sich ihrer Vorfreude hin.

Mit einem verzückten Lächeln rückte sie ihr Gewand wieder zurecht und genoss das Rauschen in ihren Ohren. Es klang wie ein ferner Wasserfall oder wie schwerer Regen, der sich nach einem Wolkenbruch auf die Erde ergoss. Und bis sich ihr Herzschlag wieder beruhigt hatte, ging ihr die Luft stoßweise über ihre Lippen. Es war das einzige Geräusch in dieser Halle – neben dem schweren Atmen, das nicht weit vor ihr erklang.

Lautlos erhob sie sich und schlich sich zu dem weiten Himmelbett, in dem das Objekt der Begierde noch immer seinen Träumen nachjagte. Zärtlich beobachtete sie den jungen Mann. Er sah aus wie ein Engel. Helle Strähnchen fielen in sein blasses Gesicht. Seine Stirn war wie im Fieber glänzend feucht. Die Lider mit ihren feinen, fast weißblonden Wimpern waren geschlossen. Doch sie kannte die Farbe seiner Augen sehr gut. Denn sie hatte viel Zeit damit verbracht, ihn zu beobachten, bevor sie ihn endgültig auserkoren hatte. Und nun war er endlich bei ihr.

Sie konnte es kaum erwarten, bis er endlich erwachen würde. Es war ein süßes Warten, fast schon ein unerträgliches Sehnen, doch sie zwang sich mit einem tiefen Atemzug, ruhig zu bleiben. Mit flüchtigen Blicken suchte sie ihre nähere Umgebung ab. Eine leise Befürchtung beschlich sie, dass sie etwas vergessen haben könnte. Doch alles war perfekt vorbereitet.

Fast schon liebevoll streichelte sie mit ihren Blicken ihr Zubehör: Das lederne Halsband, das sich eng um seine Kehle schmiegte. Die schweren Ledermanschetten, die um seine Hand- und Fußfesseln geschlungen und mit schweren Ketten am Bettpfosten vertaut waren. Die rauen Hanfseile, die kunstvoll um seinen nackten Oberkörper verknotet waren. Und die glänzende Rabenfeder, für den sanften Einstieg.

Sie nickte zufrieden. Alles war perfekt. Es war schließlich nicht ihr erstes Mal. Alle vier Monate kam sie an diesen Ort zurück. In dieses Loft, das ihr all ihre Wünsche erfüllte. Und jedes Mal, war es wie das erste Mal. Das anfängliche Kribbeln in ihrem Bauch, wenn sie jemanden gefunden hatte, den sie dann mit Argusaugen beobachtete. Ein Kribbeln, das besonnen der steigenden Erregung wich, wenn sie ihr Objekt eingefangen hatte, wenn es wehrlos vor ihr lag.

Ja, es war jedes Mal wie das erste Mal.
Nur mit dem einzigen Unterschied, dass sie ihre Handlungen perfektionierte.
Sie suchte sich nicht mehr wahllos jemanden aus. Sie bereitete sich mit jedem weiteren Objekt sorgfältiger auf ihr Vorhaben vor. Sie wusste alles über ihn. Wirklich alles. Und … sie wusste, ihr Vergnügen stetig zu verlängern.

Rittlings setzte sie sich auf seinen Schoß und küsste ihn dann fordernd. Und als sie sich zurückbeugte, sah sie in die geweiteten, grünen Augen ihres neuen Spielzeugs. Sie genoss den Moment, als der junge Mann verwirrt versuchte, sich zu orientieren, die diversen Gerätschaften um ihn herum entdeckte und dann erkannte, dass seine Situation ausweglos war. Noch bevor er begreifen konnte, was mit ihm passieren sollte, griff sie nach einem dunklen Tuch und knebelte mit geschickten Griffen seinen Mund. Dann lehnte sie sich zur antiken Kommode. Ihre Hand schwebte für einen Augenblick über der Feder, doch dann griff sie nach dem Wartenbergrad mit seinen spitzen Dornen, welches eine wundervoll blutige Spur auf seiner Haut hinterlassen würde. Heute würde sie anders als gewohnt beginnen. Sie hatte ihr Vorspiel schon gehabt.

Sanft streichelte sie dem jungen Mann über die nasse Stirn, der unermüdlich an seinen Fesseln riss. Mit der Angst in seinem Blick sah er wahrlich aus wie ein Engel. Voller Reinheit und Unschuld. Doch sie ließ sich nicht davon beeindrucken. Behutsam setzte sie das Rad auf seine Haut und zog eine rote Linie nach der anderen, während seine Schreie vom Tuch erstickt wurden. Sie liebte den metallischen Geruch von Blut und Angst in der Luft. Es steigerte ihr Machtgefühl ins Unermessliche. Und Macht, war das einzige Gefühl, was sie berauschte.

In ihren Augenwinkeln funkelte das frisch geschliffene Stahl-skalpell. Ihr Lieblingsspielzeug. Doch dieses würde sie zuletzt benutzen. Bald würde sie ihm seine Flügel zur Gänze stutzen.

Denn wer glaubt schon an Engel?

2. Betrag zum Schreibwettbewerb auf deviantart.com

Vorraussetzungen:
1. Typ: Kurzgeschichte
2. Maximal 1000 Wörter (entspricht ca. 2 Word-Seiten)
3. Es müssen folgende Worte in der Geschichte vorkommen (Reihenfolge egal):
Rabenfeder | Dornen | Regen | Rubin | Unschuld