Wie schmeckt Verlangen?

Kurzgeschichte // ©  2008 //

Wie so oft zuvor sitze ich in dieser verrauchten Spelunke, in der es penetrant nach Bier, Schweiß und Quickies auf der Toilette stinkt. Am Tresen hocken betrunkene Männer und suhlen sich in ihrem persönlichen Elend.

Die Musik ertönt gequält laut aus der alten Jukebox, dass es fast unmöglich ist ein Gespräch zu führen. Aber Gespräche werden hier eher selten gehalten. Es ist wie ein gemeinsames Zusammensitzen in Stille, die es nicht wirklich gibt, wahrscheinlich um die Realität zu vergessen. Immer dieselben grauen Gesichter, die sich an ihre Getränke klammern, erschöpft in sich und ihren Gedanken zusammengesunken.

Warum sitze ich eigentlich jeden Freitagabend hier?
Ach ja… wegen dir.

Deine Augen funkeln lila in der Dunkelheit. Die Farbe passt zu deinem blonden Haar, das silbern im Kerzenlicht schimmert. Und wieder einmal frage ich mich, von was du wohl träumst. Die Ruhe, die deine Augen ausstrahlt, die sich wie seichter Nebel von dir bis zu mir ausbreitet. Versuchen alles zu sehen und doch scheinen sie blind gegenüber jedem Leben in diesem Raum.

Diese Augen. Ein einziger kurzer Blick und sie haben mich verzaubert.
Nur deswegen sitze ich hier. Um auf eine Wiederholung zu hoffen.
Vielleicht ein kleines Lächeln dazu? Nur etwas angehaucht, aber was dennoch als Lächeln gedeutet werden kann. Dieser eine Abend, der meine Träume veränderte, weil ich in deine Augen gesehen habe.

Dabei wollte ich doch nur Zigaretten aus dem Automaten holen.
Und nun sitze ich wieder einmal hier, klammere mich wie so viele andere an mein Glas und beobachte dich. Ich weiß nicht, ob du mich bemerkt hast. Ob du weißt, dass ich dich beobachte. Vielleicht nimmst du mich auch gar nicht wahr, weil ich eine Frau bin. So wie du. Oder vielleicht ist es dir ja auch egal?

Ich weiß nicht, ob es du es spüren kannst, dieses warme Gefühl, dass sich in mir ausbreitet, sobald du die Kneipe betrittst und dich auf deinen Stammplatz setzt. Weiter hinten, in einem Separee, von der aus man Alles und Jeden betrachten kann, ohne selbst wahrgenommen zu werden.

Diese Hitze in mir, wenn du mit deinem verträumten Blick der Kellnerin zu winkst. Es ist, als ob ein Gefäß voll mit Lust in meinem Bauch ausgekippt ist und nun durch jede Vene rauscht.

Ich weiß, was du bestellen wirst. Wodka-Orange. Mit klirrenden Eiswürfeln, einer Orangenscheibe, die so saftig aussieht, dass einem das Wasser im Mund zerläuft und einem schwarzen Strohhalm. Insgesamt 2 Stück, in einem Zeitraum von einer Stunde, dann gehst du wieder. Lachend verlässt du mit der Kellnerin die Kneipe. Wie ihr wohl zueinander steht?

Und in mir wird es dann wieder kühl.

Aber noch ist es nicht soweit. Noch fühle ich diese Wärme in mir. Noch bist du da. Noch habe ich die Chance dich anzureden. Wenn ich doch nur den Mut dazu hätte. Vielleicht würden wir beide dann schon gar nicht mehr hier sitzen, sondern zusammen irgendwo sein, wo es gemütlicher und freundlicher ist. Oder ich würde wieder zuhause sein, alltägliche Dinge tun und den Versuch starten, deine Augen zu vergessen und diese ewige Hitze in mir, weil du keinerlei Interesse an mir hast.

Du zündest dir eine Zigarette an und automatisch greife ich zu meiner Schachtel. Nie zuvor habe ich das Rauchen  so sexy gefunden. Wie lasziv du den Rauch durch deine Lippen presst. Deine Lippen.. ich glaube sie sind zum Küssen geschaffen. Wonach deine Küsse wohl schmecken? Ob ich zu dir rüber gehen sollte, um nach Feuer zu fragen? Nein, lieber nicht. Das ist zu billig. Aber wie kann ich nur mit dir ins Gespräch kommen? Wie kann ich meinem Verlangen entkommen? Oder soll ich sie schüren?

Jetzt! Du blickst in meine Richtung. Dieser Moment. Wie lange ich darauf warte. Zu schnell vergeht er und zulange dauert es, bis er wieder kommt. Unsere Augen treffen sich. Verweilen kurz, dann konzentrierst du dich wieder auf dein Buch, welches vor dir liegt. Was du wohl liest? Der Einband verrät nichts. Kurzgeschichten zum Lachen, die die traurige Realität versüßen? Ein Krimi, der zu Abenteuerphantasien anregt? Oder doch Liebesgedichte oder -geschichten?
Warum bist du jeden Freitag hier? Wonach sehnst du dich?

Mein Körper zittert. Dieser kurze Blick von dir. Er geht direkt unter die Haut. Ob du dessen bewusst bist? Was ein einziger Blick von dir anrichten kann? Ich winke der Kellnerin zu und bestelle mir ein Wodka- Orange. Brauche etwas Kaltes, um mein Feuer zu lindern. Und zugegeben, ich möchte so gerne fühlen, was du fühlen könntest, wenn der süße Saft die Kehle runter rinnt, der Geschmack von den Orangen, der süß an Wärme und nackter, sonnenbrauner Haut erinnert und der Wodka, der die Sinne leicht benebelt. Orangen die Lust auf Sommer machen.

Aber es ist Winter.
Keine sonnengebräunte wenig bekleidete Haut, sondern dick eingepackt in wärmenden Pullis, die wenig Spielraum für Phantasien lassen.

Ob deine Haut auch noch leicht gebräunt ist? Oder doch so weiß, wie meine? Wie Schnee, der sich auf den Straßen türmt. Wie sie sich wohl anfühlt? Sie wird weich sein, federweich, wie von fast jeder Frau. Und dein Duft? Ob er an den Frühling erinnert?

„Darf es noch etwas sein?“

Die Stimme der Kellnerin reißt mich aus meinen Gedanken. Sie lächelt mich an, ungeduldig, wieder auf dem Sprung, um Bestellungen nachzugehen und Trinkgeld zu kassieren. Ich zögere kurz.

„Einen Wodka- Orange für die Frau dort hinten, bitte.“

Ich deute mit einer Kopfbewegung in deine Richtung.

„Sie ist hübsch, nicht?“

Die Kellnerin zwinkert mir zu, bevor sie geht. Ich achte nicht auf ihre Worte, sondern widme mich wieder deinen Augen und der Wärme in mir.

Ob es gut war? Um es rückgängig zu machen ist es zu spät, denn die Kellnerin deutet schon mit dem Getränk in der Hand auf mich. Nur eine kurze Kopfbewegung. Sie sagt etwas zu dir und geht dann grinsend fort. Was sie wohl gesagt hat, dass sie so grinst? Vielleicht war es ein Fehler? Vielleicht sollte ich jetzt einfach gehen, um mich vor jeglicher Blamage zu schützen? Wieder zu spät. Du lächelst mich an. Bewusst und nicht an mir vorbei. Deine Blicke gehen tief. Und mein Herz schlägt so schnell und laut, dass ich schon befürchte, du könntest es hören.

Du verstaust dein Buch in deinem Rucksack. Unmöglich einen Blick auf den Titel zu werfen. Deine Hände umfassen das Glas und die Zigaretten, stecken sie in deine Hosentasche. Dann stehst du auf. Deine Schritte, langsam und bedächtig, führen dich zu mir und mein Atem stockt für einen kurzen Moment.

„Darf ich mich zu dir setzen?“

Du duzt mich, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Deine Stimme ist so hell und fühlt sich an, wie Tau auf einem Lilienblatt. Ich kann diesen Tropfen spüren, wie er vom Blütenblatt auf meine Haut perlt, um ein Fegefeuer zu entfachen. Ich nicke, denn für Worte fehlt es mir an Atem. Du könnest dich mir gegenüber setzen, für ein Gespräch, bis es Zeit ist zu gehen. Doch du setzt dich neben mich. So nah. Ich bilde mir ein deine Wärme zu spüren. Und es ist mehr, als nur dieser erhoffte Blick, viel mehr. Jetzt sitzt du neben mir und ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll. Und das Hitzegefäß in mir ist am überkochen.

„Warum hat die Kellnerin eigentlich so gegrinst?“
frage ich mit Mühe, um wenigstens etwas zu sagen. Ich muss mich räuspern. Du lächelst verschmitzt. Ein Lächeln von dir habe ich erträumt und nun schenkst du mir gleich so viele.

„Sie sagte, dass du hübsch bist.“

Ich schaue sie verwundert an.

„Dasselbe sagte sie zu mir.“

Und auch ich muss grinsen. Das erste Mal, nach so langer Zeit und es tut so gut. Das Eis ist gebrochen.

„Meine Schwester kennt eben mein Geschmack.“

Ahh, ihre Schwester. Ich wieder nicke ich ihr nur zu. Ihr Geschmack? Bist du etwa auch…, magst du auch Frauen? Der Gedanke kommt mir jetzt so naiv vor. Aber es ist nicht unmöglich, oder?

„Ich habe dich beobachtet, immer wenn du mal nicht zu mir geschaut hast. Aber das war wirklich schwer.“

Am liebsten würde ich im Boden versinken, so rot werde ich.
Du hast es also doch bemerkt.

„Was liest du da eigentlich?“
Ich versuche abzulenken.

„Eine Geschichte über Lust und Verlangen.“

Sie nennt mir den Titel.

„Kennst du es?“

Ich verneine.

„Eine Geschichte zweier Frauen. Die sich kennen und lieben lernen. Voller Poesie, sinnlich und schön.“

Du schlägst eine bestimmte Seite auf und liest eine Passage daraus vor.
Deine rauchige Stimme bringt mein inneres Gleichgewicht durcheinander und die ständige Wiederholung des Wortes Verlangen, macht mich ganz nervös. Denn mein Verlangen, dieses Feuer, von dem du sprachst, spüre ich schon die ganze Zeit.

„Und?“, fragst du mich, „was denkst du über das Verlangen?“

Du blickst mir wieder tief in die Augen.
Und ich weiß nicht, ob es noch eine Steigerung von der Hitze in mir gibt.
Fire. Ich kann es fühlen. Die Flammen meines Verlangens. Wie sie sich langsam aus dem Bauch heraus, hinunter zwischen meine Schenkel ausbreiten und sich zu einem Punkt bündeln, der mich fast explodieren lässt. Ein Inferno wütet in mir. Ich antworte nicht auf ihre Frage, sondern lächle nur etwas gequält.

Unsere Gedanken werden zu Worte und Worte zu aufrichtigen Sätzen, die den Abend füllen. Die von auch Träumen, Visionen, Erfahrungen und Wünschen erzählen, von Vergangenheit und Gegenwart und vielleicht ein wenig Zukunft, bis es Zeit ist zu gehen. Du gehst zum Tresen und die Kellnerin zwinkert mir zu.

„Ich finde den Weg heute auch alleine nachhause.“
Sie lacht.

Ich finde, sie sieht dir gar nicht ähnlich. Sie ist hübsch, aber du, du bist schön. Anders schön, nicht in dem Sinne eine Schönheit, wie die Medien weismachen wollen, die Schönheit klar definiert haben. Deine Schönheit hat etwas Alterloses und Strahlendes. Und deine Ausstrahlung ruft nach Begehren. Viele müssen um solche Ausstrahlung kämpfen, dir wurde sie anscheinend in die Wiege gelegt. Du wartest auf mich, während ich bezahle.

Deine Hand greift vorsichtig sanft nach meiner, zieht mich raus in die kalte Schneeluft, die jeden Zweifel in mir verweht. Deine Blicke sagen alles. Deine Schritte wissen den Weg in die samtene Wärme, die uns nun umhüllt. Und dein Duft riecht nicht nach Frühling, sondern nach Sehnsucht. Deine Haut ist köstlicher als jede Orange, weicher als jede Daunenfeder und die Sonne kann ich noch immer auf dir fühlen, wie sie mich umarmt, mit all der Leidenschaft, die du gefangen hast.

Und unsere Küsse schmecken nach Verlangen…